2. Die Juden als Kammerknechte

Die erste Mauer um ein Judenviertel

Trotz der Tatsache, daß die Juden im frühen Mittelalter fast gleichberechtigte und vom König geschützte Personen waren, hielt man sie dennoch für einem Fremdkörper in der christlichen mittelalterlichen Welt. Das Festhalten an den religiösen Formen und Gesetzen, die ausgeprägte Treue zur eigenen Kultur und Religion brachte das Judentum in immer schärfere Gegensatz zur christlichen Welt. Dazu kam dann noch der Neid auf die großen wirtschaftlichen Erfolge, so daß es trotz des erwähnten königlichen Schutzes zu Übergriffen und zu Vertreibungen aus einzelnen Städten gekommen ist, so z.B. aus Mainz im Jahre 1084. Diese Vertreibung war allerdings nur vorübergehend, man brauchte nämlich die Wirtschaftskraft der jüdischen Einwohner. Deshalb hat auch Bischof Rüdiger von Speyer, als er 1084 Mainzer Juden in seine Stadt aufnahm, angeordnet, daß sie abseits von den übrigen Bürgern angesiedelt werden und ihre Wohnplätze von einer Mauer umgeben werden, "damit sie nicht von der Frechheit des Pöbels gestört werden". Dies ist die älteste Nachricht einer Ummauerung eines jüdischen Wohnviertels als Abgrenzung von christlichen Stadtteilen. Vorher waren die Judenviertel offen. Aber dies geschah nicht, um die Juden zu diskriminieren oder um sie einzusperren, ganz im Gegenteil, sie sollten vor dem Pöbel, dem christlichen Pöbel, geschützt werden, da durch den wachsenden Fanatismus christlicher Kreise das Zusammenleben von Juden und Christen immer mehr gestört wurde.

 

Das Massaker von 1096

Ein erster "Höhepunkt" dieser Entwicklung wurde im Zusammenhang des ersten Kreuzzuges erreicht. Im Jahre 1095 hat Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont dazu aufgerufen, das Grab des Herren und das Heilige Land von Ungläubigen zu befreien. Ein großes Heer folgte dem Aufruf und zog ins Heilige Land. Doch nicht alle, die es wollten, konnten sich eine Ausrüstung und eine Fahrt nach Israel leisten, um das Heilige Land zu erobern und Rache am Blut Christi zu nehmen. Doch auch diese Schichten waren durch die Volkspredigten und Aufrufe zum Kreuzzug aufgewiegelt. Ihr Ziel waren nicht die fernen Seldschuken, sondern die Juden im eigenen Land, die für sie die Mörder Christi waren. Hören wir, was ein jüdischer Chronist aus dieser Zeit zu berichten hat:

"... Als sie durch die Städte zogen, in denen Juden waren, sagten sie zueinander: nun ziehen wir so weiten Weg, das ‚Haus des Schwachen und Vernichteten‘ [hebr. Bezeichnung für das Heilige Grab] aufzusuchen und an den Ismaeliten Rache zu nehmen; und siehe, mitten unter uns wohnen die Juden, deren Väter ihn unschuldig schlugen und kreuzigten. Wohlan, rächen wir uns zuerst an ihnen und rotten sie aus unter den Völkern, daß des Namens Israel nicht mehr gedacht werde; oder sie sollen werden, wie wir und sich zum ‚Sohn der Unzucht‘ [hebr. Bezeichnung für Jesus] bekennen".

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Das Unheils nahm in Frankreich seinen Anfang und unter der Führung des Grafen Emicho von Leiningen zog dieses "Heer" ins Deutsche Reich. Nacheinander waren die jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms, Mainz, Trier, Metz, Köln, Neuss, Xanten, aber auch Regensburg und Prag angegriffen und vernichtet. Die jüdischen Führer appellierten an den Kaiser, die Bischöfe und die anderen Oberhäupte der Städte. Sie zahlten riesige Summen dafür, daß ihnen befestigte Bauwerke, in denen sie sich verteidigen konnten, und Wachmannschaften zur Verfügung gestellt wurden. Doch öffneten die Städte ihre Tore und die christlichen Wachen hatten keine Neigung, zum Schutz von Ungläubigen ihr eigenes Lieben zu verlieren oder einem Christen zu töten. Daß man sich dieser Horde von christlicher Seite aus entgegenstellte, war die Ausnahme.

Ein jüdischer Zeitgenossen berichtet über diese Greueltaten: "Am 23. Tage des Ijar überfielen die Wölfe die Gemeinde Worms. Die Gemeinde teilte sich in zwei Gruppen; einige blieben in ihren Häusern, andere hielten sich in den Gemächern des Bischofs auf. Da erhoben sich die Feinde und Dränger gegen die Juden, die in ihren Häusern waren, überfielen sie und brachten sie um, Männer, Frauen und Kinder, Jünglinge und Greise; sie rissen die Häuser nieder, stürzten die Treppen um, machten Beute und plünderten. Sie nahmen die heilige Tora, traten sie in den Straßenkot, zerrissen und zerfetzten sie, schändeten sie und trieben Spott und Scherz mit ihr.

Nach sieben Tagen, am Neumondstag des Siwan, am Tage, an dem Israel zum Sinai gekommen war, um die Tora zu empfangen, wurden auch diejenigen, die sich im bischöflichen Palaste befanden, aufgeschreckt. Die Feinde verfuhren mit ihnen, wie sie mit den früheren verfahren hatten, mißbrauchten sie und übergaben sie dem Schwerte. Diese, durch das von ihren Brüdern gegebene Beispiel gestärkt, heiligten noch mehr den Namen des Schöpfers, sie legten nämlich Hand an sich. Alle nahmen ungeteilten Herzens das himmlische Verhängnis an und indem sie ihre Seele ihrem Schöpfer übergaben, riefen sie "Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" Die Feinde zogen sie nackt aus und schleiften und warfen sie umher, und am Neumondstag blieben wenige am Leben. An achthundert betrug die Zahl der an jenem beiden Tagen um der Heiligung des göttlichen Namens willen Umgekommen; sie wurden alle zu Grabe gebracht ..."

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Ein unbekannter Christ bestätigt in seinem Bericht über diesen Pogrom diese Vorfälle. Jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden umgebracht oder begingen Selbstmord, und zwar mit dem Bekenntnis zum Judentum, dem "Höre Israel", auf den Lippen - einem Glaubensbekenntnis, das ein Jude beim Sterben aufsagen soll. Es gab also auch Märtyrer unter den Juden, die für ihren jüdischen Glauben in den Tod gegangen sind.

Aber nicht alle hatten solche Sehnsucht nach dem Tod. Nur wenige überlebten das Massaker, wie der jüdische Chronist berichtet. Der christliche Anonymus gibt den Grund dafür an: "Keinem ließen sie übrig, außer einige, die sie zur Taufe zwangen". Wer in dieser Not die Taufe annahm und Christ wurde, der wurde verschont.

Dieser Punkt ist bei den Verfolgung der Juden im Mittelalter in Deutschland sehr wichtig. Die Juden wurden hier als Glaubensfeinde verfolgt, da sie keine Christen waren. Sobald sich jemand vom Judentum abkehrte, die Taufe empfing und als Christ lebte, wurde er nicht mehr als Glaubensfeind angesehen und nicht mehr verfolgt. Im mittelalterlichen Deutschland ging es nur um die Frage der Glaubenszugehörigkeit, nicht um die Frage der Abstammung. Das Denken, daß die Juden zu einer anderen "Rasse" gehörten und dies auch durch die Taufe nicht ändern können, lag den Menschen im Mittelalter fern. Dieses Denken tritt in Deutschland erst im 19. Jahrhundert hervor und wird unter den Nazis, wie wir alle wissen, zur herrschenden Lehre.

 

Redaktion der Beschützer

Aber stand die Juden nicht unter dem besonderen Schutz des Königs oder anderer hohen Herren? Diese Übergriffe 1096 fanden nicht mit der Duldung der führenden Schicht statt. Kaiser Heinrich IV. z.B. war sehr erbost über die Vorfälle, doch konnte auch er sie nicht verhindern, ebenso wie die Bischöfe, von denen einige selber in Todesgefahr geraten sind, als sie für die Juden eingetreten waren.

Als der Schrecken vorbei war, gestattete der Kaiser den Zwangskonvertierten die Rückkehr zu ihren Religionsgebräuchen - auch gegen den Protest des Papstes. Darüber hinaus stellte er im Reichslandfrieden von 1103 die gesamte Judenschaft wieder ausdrücklich unter seinen besonderen Schutz. Und so siedelten sich auch in den Städten, in denen die "Kreuzfahrer" gewütet hatten, wieder Juden an. Doch war ihn jetzt klar, daß es keinen 100%igen Schutz geben konnte, und sie bei religiös und sozial bedingten Unruhen mehr und mehr mit der zerstörerischen Wut des Pöbels rechnen mußten. Diese Personen wurden dann zwar bestraft, doch half dies den Getöteten auch nicht mehr.

Auch in den öffentlichen Verlautbarungen kann man eine Veränderung in der rechtlichen Stellung der Juden erkennen. War bisher das maßgebend Moment die Stellung der Juden als Stammesfremde, so steht jetzt die Tatsache in den Vordergrund, daß sie Bekenner einer nichtchristlichen Religion waren.

 

Servi camerae

Diese Entwicklung hatte im 13. Jahrhundert schwerwiegende Konsequenzen für das Judentum. Es wurden immer wieder Privilegien und Freibriefe für jüdische Gemeinden ausgestellt, die von der Idee der "Knechtschaft" der Juden reden. Auch aus höchstem Mund war dieser Begriff zu hören. So erfahren wir aus einer Verlautbarungen Kaiser Friedrichs II. aus dem Jahre 1236: "Wenn auch die Hoheit der kaiserlichen Würde den schützenden Arm zu allen Untertanen des Römischen Reichs ausstrecken muß, und, von der christlichen Vorsehung zur Schützerin des Glaubens ausersehen, die Christgläubigen mit besonderer Gunst umfangen soll, nichtsdestoweniger ist sie, da sie zur Wahrung der Gerechtigkeit eingesetzt ist, den Ungläubigen schuldig, sie wie ein ihr anvertrautes Volk getreulich zu regieren und gerecht zu schützen, damit sie nicht, die mit den Gläubigen zusammen unter dem Schutz unserer Hoheit steht, von Übermächtigen mit Gewalt unterdrückt werden. Es sollen daher durch den Wortlaut dieser Schrift das gegenwärtige Zeitalter und die zukünftigen Geschlechter wissen, daß Unsere Kammerknechte ganz Deutschlands Unsere Herrlichkeit gebeten haben, Wir mögen das Privileg unseres Großvaters Friedrich, glücklichen Gedenkens, das für die Wormser Juden und ihre Genossen erlassen worden ist, gnädig für alle Juden Deutschlands zu bestätigen". Kaiser Friedrich II. bezeichnet die Juden hier als kaiserliche Kammerknechte, lateinisch servi camerae. Den Begriff "Kammer" könnte man auch auf die kaiserliche Schatzkammer beziehen, wobei schon deutlich wird, daß es zum finanziellen Nachteile der Juden gereichen soll.

Doch was bezeichnet dieser Begriff "Kammerknechte" rechtlich? Kaiser Friedrich II. erklärt dies folgendermaßen: Da die Juden schuld an der Kreuzigung Jesu seien, hätten die römischen Kaiser ihnen als Strafe für diese Sünde eine ewige Knechtschaft aufgelegt. Diese Knechtschaft ginge nun auf ihn, Kaiser Friedrich, über, da er der Erbe der römischen Kaiser sei. Aus ehemals freien Personen sind jetzt in gewissem Sinne Hörige, Leibeigene, ja Sklaven geworden, die Eigentum des Kaisers waren. Die Aufgabe des Kaisers war es, für den Schutz seines Eigentums zu sorgen, damit die Juden nicht ausgeplündert und ermordet werden. Allerdings erlosch dieses Schutzrecht mit dem Tode des Verleihers und mußte von dessen Nachfolger bestätigt oder von ihm neu erworben werden. Für die Juden hatte dies die Folge, daß sie jetzt für den Schutz bezahlen mußten. Es wurden nun besondere Steuern erhoben, die sie vorher nicht bezahlen mußten, so z.B. eine besondere Kopfsteuer. Aber nicht nur diese - zu fast jedem denkbaren Anlaß fand sich eine Möglichkeit für eine besondere Besteuerung der Juden, fast bis zum wirtschaftlichen Ruin mancher Familien. Ja mehr noch. Da die Juden Eigentum des Kaisers waren, konnte dieser mit ihnen umgehen, wie er es gewohnt war, mit seinem Eigentum umzugehen. So konnte er sie in Geldverlegenheit an Städte oder Adelige verpfänden, vertauschen oder verkaufen. Dann mußten die Juden ihre Abgaben an diese Städte oder Adelige entrichten, die sie in den meisten Fällen noch kräftig erhöhten. In der Literatur hat sich dafür das Bild eines Schwammes eingestellt, den man sich voll saugen läßt, um ihn danach kräftig auszudrücken. Diese neuen Herren waren dann auch für den Schutz zuständig, doch wie selbst der Kaiser konnten auch sie diesen Schutz nicht immer gewährleisten. Doch den Juden blieb nichts anderes übrig als zu zahlen. Sie trugen jetzt keine Waffen mehr, um sich selbst zu schützen. Auch dies brachte der besondere Status mit sich. Wer die immensen Kosten nicht aufgebrachte, mußte das betreffende Territorium verlassen. Da diese Menschen die Abgaben in anderen Territorien meist auch nicht bezahlen konnten, blieben sie auf "ewiger" Wanderschaft und führten ein Leben am untersten Rand der Gesellschaft. In manchen Fällen bot sich die Möglichkeit zur Ausreise: der Osten war ein Gebiet, das besiedelt werden sollte, und hier bot sich auch für manche Juden eine neue Chance.

 

Das vierte Laterankonzil von 1215

Die Lage der Juden hat sich also im Vergleich zum frühen Mittelalter beträchtlich verschlechtert. Dieser Status der Kammerknechtschaft war nur die Spitze eines Eisberges, es brodelte auch in der Bevölkerung, nicht zuletzt geschürt durch die Kirche.

SPITZ.JPG (54576 Byte)Hier ist ein wichtiges Datum zu nennen, daß für das Leben der Juden große Auswirkungen haben sollte. Ich meine das vierte Laterankonzil im Jahre 1215. In einem Beschluß dieses Konzils vom 30.11.1215 heißt es: "In einigen Provinzen unterscheiden die Kleidung Juden und Sarazenen von den Christen. Aber in gewissem anderen ist eine solche Regellosigkeit entstanden, daß sie durch keine Unterscheidung kenntlich sind. Daher kommt es zuweilen vor, daß sich irrtümlicher Weise Christen mit jüdischen oder sarazenischen und Juden oder Sarazenen sich mit christlichen Frauen vermischen. Damit also den Ausschweifungen einer so abscheulichen Vermischung in Zukunft die Ausflucht des Irrtums abgeschnitten werde, bestimmen wir, daß Juden und Sarazenen beiderlei Geschlechts in jeder christlichen Provinz und zu jeder Zeit sich durch die Art ihres Gewandes öffentlich von der übrigen Bevölkerung unterscheiden sollen...". Man wollte sexuelle Beziehungen zwischen Christen und Nichtchristen vermeiden - eine Heirat zwischen Juden und Christen war schon seit der Spätantike verboten - und deshalb sollten alle Nichtchristen an ihrer Kleidung erkannt werden. Dies geschah so, daß die betroffenen Personen einen besonderen Flecken, später einen gelben Ring, an einer sichtbaren Stelle ihres Gewandes tragen mußten. Daneben trugen die jüdischen Männer einen besonderen Hut, den sogenannten "Spitzhut".

Diese Maßnahme war natürlich eine Diskriminierung gegenüber der Judenschaft, die, wie man aus der Bestimmung ja herauslesen kann, bestätigt war, sich hinsichtlich ihrer Kleidung an die Umwelt anzupassen. Und es wurde auch als Diskriminierung verstanden. Doch dürfte es uns, die wir von der Wiederaufnahme einer solchen Maßnahme im Dritten Reich geprägt sind, zunächst erstaunen, daß sich jüdische Einwohner über diese Kleiderordnung gar nicht so sehr empört haben. Andere diskriminierende Maßnahmen, wie z.B. die Vorschrift, daß sie auf bestimmten Promenadestraßen am Flußufer in manchen Städten nicht gehen durften, erregte größeren Unmut bei den Betroffenen. Kleiderordnungen gab es auch für die christlichen Stände im Mittelalter. Für sie war es aber weniger Diskriminierung, sondern eher ein Schutz, daß niemand über seinen Verhältnissen lebte und deswegen verarmte.

Es wurde von diesem Konzils auch verlangt, daß sich Juden und Christen in der Öffentlichkeit mehr und mehr aus dem Wege gehen sollten. So mußten jetzt die Judenviertel durch einen Zaun, eine Mauer oder einen Graben getrennt sein. Der Hintergrund dafür war nicht mehr der Schutz der Juden vor den Übergriffen des Pöbels wie in Speyer 1084 - auch wenn diese Funktion natürlich auch noch da war -, sondern es war wiederum eine Diskriminierung gegen die jüdischen Mitbewohner. Auch wohnten sie nicht mehr in den schönen Gegenden wie am Beginn des Hochmittelalters, sondern sie saßen nun oft zusammengepfercht in licht- und luftarmen Vierteln.

 

Ein weiteres Beispiel für diese Abgrenzung möchte ich aus den Beschlüssen des Konzils zitieren: "In den Kartagen und am Passionssonntag sollen sie [die Juden] keinesfalls in die Öffentlichkeit ausgehen, weil einige von ihnen, wie wir erfahren haben, sich nicht schämen, geschmückt einherzugehen, und sich nicht scheuten, die Christen zu verspotten, die, des heiligsten Zeichens eingedenk, Zeichen der Trauer trugen" Es muß Spannungen gegeben haben, wobei sich beide Seiten als Bekenner dargestellt haben. Jetzt mußten die Juden volens nolens den christlichen Traditionen Respekt zollen. Falls Sie dies nicht machten, waren sie sozusagen an Übergriffen der "gereizten" Bevölkerung selber schuld.

Auch wurden Juden durch das vierte Laterankonzil von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen: "Da es allzu sinnlos wäre, daß ein Lästerer Christi über Christen Gewalt habe, so erneuern wir das, was das Konzils von Toledo weise verfügt hat (...). Wir verbieten, daß Juden zu öffentlichen Ämtern zugelassen werden, da sie unter dem Vorwand ihres Amtes den Christen am meisten aufsässig sind."

In einem weiteren Punkt dieser Beschlüsse wurden Maßnahmen festgelegt, um gegen den jüdischen "Wucher" vorzugehen. Wucher, ahd. wuocher, heißt eigentlich Zins, Ertrag, Gewinn. Es sollten mit diesem Beschluß die Zinsverträge der Juden durch das Verleihen von Krediten geschmälert werden. Mit dieser Maßnahme sollten zum einem die Juden getroffen werden, zum anderen aber auch Kaiser und Fürsten, die die Juden beschützten und von den auf das Zinsgeschäft erhobenen Steuer profitierten.

 

Das Zinsgeschäft der Juden

Geldhaendler.jpg (19855 Byte)Auf diesen Geldverleih der Juden möchte ich nun näher eingehen. Wie ich vorhin erwähnt habe, waren manche Juden als Fernkaufleute tätig und kamen dadurch zu großem Gewinnen. Dies war etwa ab dem 12./13. Jahrhundert nicht mehr möglich, denn der Handel ging mehr und mehr in die Hände christlicher Kaufleute über. Sie schlossen sich in den Städten zu Kaufmannsgilden zusammen, ebenso wie die Handwerker sich zu Zünften zusammenschlossen. Gilden und Zünfte waren aber auch eine Art von religiöser Gemeinschaft, die z.B. einen bestimmten Heiligen verehrten, Feste feierten und gemeinsam in den Gottesdienst gingen. Deshalb konnten und wollten die Juden auch nicht in Gilden und Zünfte eintreten. Da aber die ganze Produktion und der Vertrieb der Waren von diesen Zusammenschlüssen geregelt wurden, konnte keiner, der außerhalb von Gilden und Zünften stand, in diesen Bereichen arbeiten. Somit waren die Juden von den Berufen als Händler und Handwerker ausgeschlossen.

 

In der gleichen Zeit, als sich diese Entwicklungen einstellten, versuchte die Kirche mehr und mehr durchzusetzen, daß es für einen Christen verboten sei, einem anderen gegen Zinsen Geld zu verleihen. Das ist das berühmte Zinsverbot für Christen, von ihm jüdisch Geldverleiher nicht betroffen waren. Da ihnen die anderen Berufe verwehrt gewesen seien, sei ihnen nur der Geldverleih offen gestanden, der den Christen verboten gewesen sei. Diese Chance hätten die Juden genutzt. So lautet die gängige Erklärung für die Entwicklung, daß die Juden zu Geldverleihen wurden. Doch ich möchte diese Geschichte noch ein bißchen genauer betrachten.

Dieses klerikale Zinsenverbot wurde bei weitem nicht so rigoros befolgt, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. So kennen z.B. die ältesten Münchener Ratssatzungen vom Ende des 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts kein Wucherverbot und auch als es Mitte des 14. Jahrhunderts in das Stadtrecht eindrang, fühlte sich der Rat niemals daran gebunden, wenn es galt, durch Kredite für das Gemeinwesen Geld zu beschaffen. Ein anderes Beispiel wäre der Ritterorden der Templer, die 1312 aufgelöst worden sind. Sie sind durch Geldgeschäfte v.a. mit Pilgern, die ins Heilige Land reisten, reich geworden. Die Pariser Börse heißt heute noch Temple. Ebenso reich geworden sind auch die Lombarden aus Italien - unser zweiter Leitzins heißt Lombardsatz -, die als christliche Geldverleiher aufgetreten sind.

Dennoch wurden manche Juden in diese Sparte des Geldverweis abgedrängt. Es war nämlich ein Kennzeichen der mittelalterlichen Wirtschaft, daß ein Mangel an flüssigen Geldmitteln herrschte. So war viel Edelmetall in Form von kostbaren Geräten an Höfen, Kirchen und Klöstern gebunden und wurde nicht gemünzt. Auch der Übergang des Fernhandels in die Hände christlicher Kaufleute zog viel Kapital an sich. So eine Handelsreise war ein kapitalintensives, riskantes Geschäft, das aber beim Erfolg riesige Gewinne in Aussicht stellte. Deshalb investierte mancher Christ sein Geld in diesem Bereich, von dem er sich hohe Gewinne erhoffte. Sie legten ihr Geld in Form von Teilhaberschaften oder von Vorkäufen der Waren an, so daß formal gesehen das Zinsverbot umgangen wurde. Das Kapital war somit für den lokalen Kreditmarkt nicht mehr zur Verfügung. Doch hier konnten Juden aushelfen, Sie hatten ja noch das Geld vom Fernhandel, von dem sie jetzt mehr und mehr ausgeschlossen wurden, so daß der Kreditmarkt für einige Jahrhunderte fast der einzige Erwerbszweig werden konnte.

 

Jüdische Kredite in der Praxis

Es war auch im Mittelalter eine Nachfrage an Verbrauchsdarlehen vorhanden, da ja flüssiges Geld in der Wirtschaft fehlte. Bedarf war aber bei allen Bevölkerungsschichten vorhanden. So brauchten z.B. Bauern Geld, wenn sie eine schlechte Ernte eingefahren hatten oder für das Schlachten der Schweine auf einmal eine große Menge Salz kaufen mußten. Handwerker in den Städten benötigten Kredite, wenn sie kurzfristig große Posten Rohmaterial einkaufen wollten. Aber auch Patrizier, die sich schnell etwas kaufen wollten, aber an ihr längerfristig angelegtes Geld nicht heran kamen, benötigten Kredite. Der Adels und die hohe Geistlichkeit fragten auch nach Geld nach, sei es die erhöhten Konsum- und Repräsentationsbedürfnisse zu befriedigen, sei es, daß ein Ritter oder Priester in einen ausgedehnten Rechtsstreit geraten war, von einer Krankheit betroffen war, in Gefangenschaft geraten war und dafür Lösegeld brauchte usw..

Es gab genügend Nachfrage nach Krediten in dieser Zeit, bedingt, wie gesagt, daß man, auch wenn man relativ vermögend war, nicht immer flüssig war. Dies war dann auch der Grund dafür, daß man die Juden, wenn sie aus einer Stadt vertrieben worden waren, sehr bald wieder ansiedeln ließ.

Es läßt sich im Laufe des Spätmittelalters ein soziales Absinken des Kundenkreises des jüdischen Geldgeschäftes feststellen. Ursache dafür dürfte sein, daß das jüdische Geschäftskapital mehr und mehr dezimiert worden ist durch die hohen Abgaben, die großen Pogromwellen im 14. Jahrhundert, auf die ich noch zu sprechen kommen werden, und durch sogenannte Schuldentilgungen, bei denen den Kreditnehmern die Schuld und der Zins auf Befehl des Königs erlassen worden ist. Das große Geschäft machten dann z.B. im 15. Jahrhundert, als das Zinsverbot endgültig aufgehoben wurde, christliche Kreditgeber. Denken wir dabei an das Haus der Fugger in Augsburg. Somit blieb den Juden nur noch das kleine Geschäft mit den sozial niedrigeren Bevölkerungschichten übrig. Dies zeigt eine Untersuchung über die verliehenen Kredite in Konstanz zwischen 1423 und 1429, wovon über 80 Prozent eine Höhe von zwischen 1/2 und 49 Gulden hatte. Dies sind relativ niedrige Beträge.

Die Laufzeiten der Kredite waren auch unterschiedlich lang. Es scheint so, daß der Großteil nur eine kurze Zeit, oft nur wenige Tage oder Wochen, gelaufen ist. Aus einem hebräischen Handlungsbuch aus Montepulacino in Italien kann man erkennt, daß dort zwischen 1409 und 1410 nur 3,33 Prozent der Kredite neun bis zwölf Monate liefen, dagegen 77,5 Prozent nur bis zu 2 Monaten. Längerfristige Kredite gingen meist an die Privilegierten des Ortes, mit denen sich die Juden gut stellen mußten.

Wie sahen es mit den Sicherheiten für die Rückzahlung aus? Auch hier hat es eine gewisse Entwicklung gegeben. Im hohen Mittelalter begnügten sich die Juden oft mit der mündlichen Form des Zahlungsversprechungens und/oder der Sicherung der Kredite durch eine Bürgen. Mit zunehmender Schriftlichkeit schrieb man den Schuldbestand vor einem Gericht, vor einem Notar, in ein Geschäftsbuch oder in eine Privaturkunde nieder. Zur Absicherung die großer Kredite dient im Hochmittelalter die Überschreibung von Grundstücken oder Liegenschaften; kleinere Kredite, wie sie dann im Spätmittelalter die Hauptsache waren, wurden durch Pfänder, z.B. Gebrauchsgegenstände, Kleider, Schmuck, abgedeckt. Der Wert des Pfandes war oft höher als die Summe des Kredites, denn der Kreditnehmer brauchte ja unbedingt Bargeld. Konnte er das ausgeliehene Geld nicht an dem festgesetzten Tag mit den Zinsen zurückbezahlen, hatte der Gläubiger das Recht, das Pfand zu verkaufen, wobei alle vorher geleisteten Rück- oder Zinszahlungen verfallen sind. Dies kam desöfteren vor, so daß die Juden auch eine Art Kleinhandel mit den nicht ausgelöste Pfandgegenständen führten. Hier brachten Gegner häufig dem Vorwand, daß die Juden mit christlichen Dieben gemeinsame Sache machen würden und Diebesgut als Pfand annähmen, um es später zu verkaufen. Doch es gab gesetzliche Regelungen, die dies verhindern sollten.

Die von jüdischen Geldverleihern genommenen Zinsen differenzierten im Einzelnen zwar enorm, waren jedoch insgesamt hoch. Meist wurde die Höhe von den einzelnen Städten oder Landesherren festgeschrieben. So durften die Nördlinger Juden z.B. im 15. Jahrhundert von eingesessenen Bürgern eine Zins von etwa 10 bis 20 % p.a. verlangten, mit auswärtigen Entleihern konnte ein beliebiger Zinssatz festgesetzt werden. Dessen Höhe war maximal etwa 32 bis 42 %, in seltenen Einzelfällen bis zu 86 % p.a..

Dies scheint uns extrem hoch, doch muß man das hohe Risiko jüdischer Geldhändler berücksichtigen und die enorm hohen Abgaben an die Obrigkeit. Denken wir an das Bild vom Schwamm. Im übrigen wurden diese Zinssätze auch von christlichen Geldverleihern verlangt, denn die Nachfrage nach Bargeld war groß. So wurden dann auch diese hohen Zinssätze vom Markt über lange Zeit hin akzeptiert und getragen.

Dieser Beruf, in den manche Juden hineingedrängt wurden, war für sie äußerst gefährlich. Bei dieser Gefährlichkeit muß aber die gesamte Veränderung der Situation aller Juden im Spätmittelalter berücksichtigt werden, die ich aufzuzeigen versucht habe. Die jüdische Pfandleihe war nicht der einzige und auch nicht der wichtigste Beweggrund des tief gestörten Verhältnisses zwischen Juden und Christen. Dennoch ist es unbestreitbar, daß dieser Broterwerb der Juden, obwohl er für die Wirtschaft im Deutschen Reich sehr wichtig war, bestehende Vorurteile und Animositäten konkretisierte. Dies konnte sich in spontanen Pogromen der Bürger gegen die verhaßten "Blutsauger" entladen, aber auch die Obrigkeit konnte diesen Haß bewußt zur Erringung politischer oder finanzieller Vorteile ausspielen. Man denke an die Schuldentilgungen. Wie keine andere wirtschaftliche Tätigkeit hat die Geldleihe die Juden ins Kreuzfeuer schwieriger wirtschaftlicher und sozialer Prozesse gedrückt, die ihre Situation als verfolgt-gedultete Minderheit verschärfen mußte.

 

Die Wandlungslehre und ihre Folgen

Ich möchte noch einmal zurück zu dem vierten Laterankonzil von 1215 kommen. Dort wurde ein Dogma beschlossen, daß zunächst nichts mit den Juden zu tun hatte, sondern für Christen galt. Es ging um die Lehre von der Wandlung von Brot und Wein bei der Eucharistiefeier in wirklichen Leib und wirkliches Blut Christi. Wenn Brot und Wein gewandelt waren, dann blieben sie natürlich auch Leib und Blut Christi. Deshalb wurde die Hostie im Tabernakel aufbewahrt und falls etwas vom gewandelten Wein verschüttet wurde, hatte man eine Reliquie: einem Tropfen Blutes Christi.

Hostie.jpg (39590 Byte)Viele Christen bekannten nun an die Wundermacht der Hostie, auch als ein magisches Zaubermittel, zu glauben. Da entstand nun ein weiteres Konfliktfeld im Verhältnis zu den jüdischen Mitbewohnern. Es erhoben sich immer öfter, zum erstenmal im Deutschen Reich im Jahre 1243 in der Nähe von Berlin, Anklagen gegen Juden, den folgenden, meist gleichen Inhalt hatten: Ein Juden habe einen Christen oder eine Christin bestochen oder bewogen, ihm ein Stück einer Hostie zu verschaffen. Der Jude habe sie nach Hause oder in die Synagoge mitgenommen, wo sie (d.h. Jesus) übel zugerichtet worden sei. Ein einzelner oder die jüdische Gemeinde hätten sie mit Pfriemen und Dornen durchstochen und auf ihr herum getrammpelt. Die Juden hätten jetzt das gleiche gemacht, wie ihre Vorfahren, die schuld am Tode Jesu gewesen wären, sie würden jetzt Jesus noch einmal foltern. Wer einer solchen Tat verdächtigt wurde, wurde dem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen, d.h. er wurde unter der Folter zum Geständnis gezwungen. Nach der Verhandlung wurde er dann hingerichtet und auch seine Familie oder die ganze jüdische Gemeinde wurde bestraft.

Im Jahre 1298 verbreitete sich in dem fränkischen Städtchen Röttingen an der Tauber das Gerücht einer solchen Hostienschändung. Daraufhin fiel ein verarmter Ritter namens "Rindfleisch" mit seinen Gesellen über die Juden in Franken, Schwaben, der Oberpfalz, Hessen und Thüringen her und tötete sehr viele von ihnen. Er fand im niederen und zum Teil auch im hören Adel Unterstützung - man wurde auf diese Weise leicht unliebsame Gläubiger los. Erst im Herbst des Jahres 1298 konnte König Albrecht I. dem Treiben ein Ende machen.

Ebenfalls ein angeblicher Hostienfrevel war das auslösende Moment der von dem Ritter Arnold von Uissigheim, genannt "Armleder", geleiteten Verfolgung im Gebiet der Tauber und Würzburgs im Jahre 1336, denen Pogrome in anderen Gebieten folgten. Den Beschuldigungen der Hostienschändung lassen sich deutlich entnehmen, in welchem Licht die Christen die Juden im Mittelalter sahen. Sie meinten, die Juden wüßten sehr wohl um das Mysterium des Heiligen Sakraments, um die Wandlungslehre, wollten dieses höchste Mysterium aber dennoch nicht anerkennen und täten sogar alles Erdenkliche, um Gott zu vernichten und die christlichen Heiligtümer zu entweihen. Die Haltlosigkeit dieser Vorwürfe brauche ich, wie ich glaube, nicht näher zu erläutern.

 

Die Ritualmordbeschuldigungen

Auch eine andere Form der Verleumdungen gegen den Juden brachte böses Blutes in das Zusammenleben von Juden und Christen. Es handelte sich dabei um Vorwürfe, daß Juden christliche Kinder zu rituellen Zwecken getötet hätten. So behauptete man in München 1286, die Juden hätten etliche Christenkinder erschlagen, all ihre Glieder verletzt ... und grausam ihr Blut getrunken. Solche Anklagen gab es in mehreren Städten zu verschiedenen Zeiten. Viele Christen schenkten solchen Beschuldigungen Glauben und hielten sie buchstäblich für wahr. Öffentliche Verlautbarungen von deren Unrichtigkeit, selbst von höchster Stelle, vermochte diesen Glaubens nicht zu erschüttern.1235 waren es die Juden in Fulda, die man des Ritualmordes bezichtigte. Kaiser Friedrich II. beschloß der Sache auf den Grund zu gehen. Zunächst rief er die hohe Geistlichkeit zusammen. Nachdem er von dieser keine eindeutige Antwort über den Wahrheitsgehalt der Behauptungen erhielt, beschloß er eine Versammlung von konvertierten Juden einzuberufen und diese zu befragen. Auf dieser Versammlung wurde eindeutig die Unhaltbarkeit der Beschuldigungen dargelegt, da den Juden ja überhaupt jeglicher Blutgenuß untersagt ist.1236 lies der Kaiser das Ergebnis dieser Untersuchung öffentlich bekanntgeben. Auch Papst Innozens IV., ein Feind des Kaisers, ließ verkünden, daß die Blutbeschuldigungen unbegründet seien. Doch offensichtlich glaubte die überwiegende Mehrheit der westlichen Christenheit weder den Untersuchungsbefunden noch den Erklärungen von Kaiser und Papst, und die Verleumdungen gingen weiter. Sogar noch im 20. Jahrhundert sollte die Anschuldigung des Ritualmordes zur Diskriminierung der Juden als "unser Unglück" dienen. So wird im "Stürmer" 1939 als historische Tatsache geltend gemacht: "Im Jahre 1475 ermordeten die Juden in Regensburg sechs Knaben. Sie zapften ihnen das Blut ab und marterten sie zu Tode. Die Richter fanden in einem unterirdischen Gewölbe, das dem Juden Josfel gehörte, die Leichen der Ermordeten. Auf einem Altar stand eine mit Blut befleckte steinerne Schale."

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