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Quelle: Gottfried Wilhelm Leibniz: 'Von den Worten' § I. PHILALETHES. Da Gott den Menschen als ein geselliges Geschöpf
geschaffen hat, hat er ihm nicht nur den Wunsch eingehaucht und ihn in die Notwendigkeit
versetzt, mit Wesen seiner Gattung zu leben, sondern hat ihm auch das Vermögen zu
sprechen gegeben, welches das große Werkzeug und gemeinsame Band dieser Gesellschaft sein
sollte. Daher stammen die Worte, die dazu dienen, die Ideen darzustellen und sogar zu
erklären. THEOPHILUS. Ich freue mich, Sie von der Meinung des Hobbes entfernt
zu sehen, der nicht damit übereinstimmte, daß der Mensch für die Gesellschaft
geschaffen ist, indem er sich vorstellte, daß man dazu nur durch die Notwendigkeit und
durch die Bosheit seiner Mitmenschen gezwungen würde. Er bedachte dabei aber nicht, daß
die besten Menschen, die von jeder Bosheit ausgenommen sind, sich vereinigen würden, um
ihr Ziel besser zu erreichen, so wie die Vögel sich zusammenscharen, um in Gemeinschaft
besser zu reisen, und wie die Biber sich zu Hunderten vereinigen, um große Dämme zu
errichten, wobei eine kleine Zahl dieser Tiere keinen Erfolg haben könnte; und diese
Dämme haben sie nötig, um mit ihrer Hilfe Wasserbehälter oder kleine Seen anzulegen, in
denen sie ihre Baue errichten und Fische fangen, von denen sie sich ernähren. Das ist der
Grund der Gesellschaft der dazu geeigneten Tiere und nicht die Furcht vor ihresgleichen,
die man unter den wilden Tieren nicht findet. PH. Sehr gut, und um diese Gesellschaft besser zu pflegen, besitzt
der Mensch von Natur aus Organe, die derart geformt sind, daß sie sich zur Bildung von
artikulierten Lauten, die wir Worte nennen, eignen. TH. Was diese Organe betrifft, besitzen die Affen sie anscheinend in
genau so geeigneter Weise wie wir, um damit Worte zu bilden, und doch findet man bei ihnen
nicht den mindesten Versuch dazu. So muß ihnen noch etwas nicht Sichtbares fehlen. Auch
muß man bedenken, daß man sprechen, das heißt sich durch Töne seines Mundes
verständlich machen könnte, ohne artikulierte Laute zu bilden, wenn man sich der Töne
der Musik zu diesem Zweck bedienen würde. Es würde aber eine viel größere Kunst nötig
sein, um eine Sprache der Töne zu erfinden, während die der Worte nach und nach von den
Menschen, die sich in natürlicher Einfachheit befanden, gebildet und vervollkommnet
werden konnte. Indessen gibt es Völker wie die Chinesen, die ihre Wörter, deren sie
keine große Zahl besitzen, vermittels der Töne und Akzente variieren. Daher hatte auch
der berühmte Mathematiker und große Sprachkenner Golius den Gedanken, daß ihre Sprache
künstlich sei, das heißt, daß sie auf einen Schlag durch einen klugen Mann erfunden
worden sei, um einen sprachlichen Verkehr unter einer großen Zahl verschiedener
Völkerschaften herzustellen, die jenes große Land, das wir China nennen, bewohnten,
obschon sich diese Sprache jetzt durch den langen Gebrauch verändert haben könnte. §2. PH. Wie die Orang-Utangs und andere Affen die Organe haben, ohne
Worte zu bilden, so kann man sagen, daß die Papageien und andere Vögel Worte haben, ohne
Sprache zu haben, denn man kann diese und manche andere Vögel dressieren, hinreichend
klare Laute zu bilden; indessen sind sie keineswegs der Sprache fähig. Nur der Mensch ist
in der Lage, sich dieser Laute als Zeichen für innere Begriffe zu bedienen, damit diese
dadurch anderen offenbar gemacht werden können. TH. In der Tat glaube ich, daß wir ohne den Wunsch, uns
verständlich zu machen, niemals die Sprache ausgebildet hätten. Nachdem sie aber einmal
gebildet war, dient sie dem Menschen auch, Überlegungen für sich anzustellen, sowohl
dadurch, daß die Worte ihm das Mittel geben, sich abstrakter Gedanken zu erinnern, als
auch durch die Nützlichkeit, die man beim Überlegen darin findet, sich der Zeichen und
tauben Gedanken zu bedienen. Es würde nämlich viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn man
alles erklären und immer die Definitionen an die Stelle der Termini setzen wollte.
aus: Gottfried Wilhelm Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Buch IIIIV. Herausgegeben von Wolf von Engelhardt und Hans Heinz Holz. Band III., Zweite Hälfte. Darmstadt 1961, S. 4f. |