Tschechien 1996
Eine Herbstreise ins Land der Mütter
Wolfgang Last
Nachdem der kalte Krieg vorbei war, stand eine Reise nach Tschechien schon lange auf dem Programm. Nicht zuletzt, weil unser beider Mütter dort geboren wurden und einen Großteil ihrer Jugend dort verbrachten. Zuletzt hatten wir es für 1994 zusammen mit meiner Mutter geplant, die noch einmal ihre Heimat sehen wollte, sich wegen ihrer Krankheit aber nicht traute zu reisen. Auch gab es bei mir noch angenehme Erinnerungen an eine Brieffreundin, die ich Mitte der 70er besuchte, aber inzwischen jeden Kontakt verloren habe. Also, es gab einige Gründe, eine Reise zu planen.
Eine Rundreise mußte es werden, Prag sollte dabei sein, Teplice, (Teplitz-Schönau) da kam Gabis Mutter her, Jablonec n. Nisou, (Gablonz an der Neisse) weil wir jetzt in Neugablonz wohnen und Jesenik, (Freiwaldau am Altvater), da kommt meine Mutter her, standen auf dem Programm.
Nein, wir sind keine bekennenden Sudetendeutschen, im Gegenteil. Wir halten diese Vertriebenenorganisation durchaus für revisionistisch. Der jetzt endlich abgeschlossene Vertrag zwischen Tschechien und Deutschland erscheint uns der richtige Weg, die lange und durchaus -beiderseits- schmerzhafte Geschichte zwischen Tschechen und Deutschen in friedliche Bahnen zu lenken. Es gibt da sicherlich vieles zu bedenken und eine Menge ist uns auf dieser Reise erst bewußt geworden, aber es würde hier an dieser Stelle jedweden Rahmen sprengen. Es wird die Geschichte einer Reise im Oktober 1996 und das hat für Deutsche nun doch sehr viel mit Geschichte zu tun.
Also Rundreise. Und wenn man und frau so am vorbereiten ist, kommt schnell noch die eine oder andere interessante Information dazu, die eine solche Reise immer umfangreicher werden lässt. Cesky Krumlov (Böhmisch Krummau), die Beskiden, die Tatra und Telc werden von Freunden noch als das unbedingte Muß hinzugefügt. Und allein das Isergebirge bei Gablonz wäre eine Reise wert, sagt man hier in Neugablonz. Und wo genau wir denn dort hinmöchten, es wäre doch so vielschichtig. Meine Mutter fragen wir nicht weiter nach Adressen, nur nach einigen Orten ihrer Erinnerung. Wir wollen Tschechien heute erleben und nicht damals. (Gibt zwar hinterher Ärger, aber es war schon so ok.)
Nachdem die grobe Planung feststeht buchen wir per Internet über HRS das Hotel in Prag, das Botel Racek. Für Prag preiswert, allerdings sind auch mitten in der Woche ohne Reisegesellschaft nur drei Nächte zu bekommen. Als Urlaubsziel haben wir uns dann auf das Altervatergebirge festgelegt. Ebenfalls übers Internet haben wir die Adresse eines Reiseveranstalters für Tschechien herausbekommen. Cedok. Hier buchen wir zehn Nächte in Sobotin. In einem Schloß, Urlaub vom Feinsten. Nobel geht die Welt zugrunde. Preislich ist es ganz ok. Hat Gabi gut ausgesucht.
Herbstanfang, es geht los. Kaum noch vom Streß der Arbeit erholt und endlich die Koffer gepackt. Schon vormittags ist die Suzi, also das Auto, ein kleiner offener Jeep, Suzuki Samurai, gepackt und scharrt mit den Hufen. Oder wars der Frontbügel? Also, man braucht nicht so ein Auto für die Straßen dort. Und entgegen aller Horrorstorys, nichts ist weggekommen, trotz Reissverschluß als Türe.
Die B12 haben wir uns vorgenommen, von Kaufbeuren bis Phillipsreut an der Grenze. Ohne Hast, aber so zügig es das Auto zulässt, am Anfang des Urlaubs will man ja doch erstmal wegkommen, über München, Mühldorf am Inn, Altötting. Hier ist erstmal Kaffepause angesagt, ohne Beten. Dann gehts weiter, Braunau lassen wir natürlich rechts liegen, über Passau und Freyung immer schön auf der B12 bis zur Grenze hinter Phillipsreut. Und wir haben Glück, keine Stunden von Wartezeit, es geht einfach so. Problemlos wird die Grenze überquert, kurz Geld gewechselt, weiter gehts.
On the road. Das erste, was auffällt sind die halb- bis dreiviertel (mindestens) nackten Damen am Strassenrand. Menschenverachtende Mehrwertabschöpfung. Ein erster Eindruck von dem, was unser Gesellschaftssystem so hinterlässt. Als wir dann die Hauptstraße verlassen und an der zweiten Straße rechts zum Staussee von Lipno abbiegen, sind die Damen bald verschwunden. Leider auch das bisher halbwegs schöne Wetter, es regnet und die sicherlich schöne Gegend am Stausee verschwindet in den Wolken und im Nebel. Schade. So fahren wir direkt bis zu unserem ersten Ziel.

Zum Frühstück haben wir dann die Reiseführer geschmökert und haben das ein oder andere über Cesky Krumlov rausbekommen. Aber es regnet immer noch. Trotzdem, auf! Die Stadt will entdeckt werden. Cesky Krumlov ist eine mittelalterliche Stadt, die ihr Stadtbild in der Altstadt noch gut bewahrt hat. Die Altstadt liegt in einer Doppelschleife der Vltava (obere Moldau) und wird von dem prächtigen Schloß der Wittigonen überragt wird. Cesky Krumlov ist in die Liste der Kulturdenkmäler der Unesco aufgenommen und es wird nicht zuletzt deshalb an Ecken renoviert. Und es gibt eine feste Ausstellung von Egon Schiele in einer alten, umgebauten Brauerei. Wir finden den zentralen Marktplatz mit wunderschönen Renaissance-Fassaden und einer berühmten Mariensäule. Die erste, die wir sehen. Die in München habe ich erst nach dieser Reise wirklich wahrgenommen. Vom Marktplatz geht es an weiteren interessanten Fassaden, eine inzwischen wieder restaurierte mit kabalistischen Motiven, der arme Erbauer wurde natürlich als Hexenmeister hingerichtet, über eine Moldaubrücke zum Unterschloß.
Dieses Schloß, nach der Prager Burg das größte
Böhmens, daß ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert
stammt, ist immer wieder aus- und angebaut worden unter anderem eine
eigene Schloßbrücke in drei Etagen, natürlich
riesige, beeindruckende Steinbögen, auf deren oberster man dann
im Rokoko in den Schloßpark reiten konnte. Wir laufen. Ein
wunderschöner, frühherbstlicher Park mit einer
Freilichtbühne, die eine drehbare Zuschauertribüne (neu)
besitzt. Zurück genießen wir, da es endlich zu regnen
aufgehört hat, den Blick über die Stadt und unseren
bisherigen Weg vom Rundturm der Bastei. Anschließend besuchen
wir nach einer ausgiebigen Mittagspause die
Schiele-Ausstellung.
Am anderen Morgen gehts, nach einem letzten Blick über die
Stadt, weiter. Wir fahren durch Ceske Budejowice (Budweis) vorbei an
der riesigen berühmten Brauerei, leider ohne Frühschoppen
mit dem berühmten Bier, weiter Richtung Tabor. Hier, in dem vom
Hussisten Jan Zizka nach dem biblischen Berg Tabor genannten und zur
Festung seiner radikalen Bewegung ausgebauten Ort, machen wir eine
Pause und schlendern durch die Gassen der ebenfalls gut erhaltenen
mittelalterlichen Altstadt. Fehl schlägt unser Versuch die Ruine
der Ziegenburg (Kozi Hradek), auf
der Jan Hus lebte, die ganz in der
Nähe liegt, zu finden.
Wir fahren dann nicht direkt weiter Richtung Prag, sondern machen einen lohnenden Abstecher Richtung Westen, nach Orlik (Worlik), dem Schloß derer zu Schwarzenberg, die zuletzt auch über Krummau herrschten. Das Schloß, das früher auf einer Anhöhe weit über der Moldau lag, ist durch die Aufstauung direkt an den Rand des Sees herangerückt, wie ein Wasserschloß wirkt es heute. Eine Besichtigung verkniffen wir uns trotz bereits erworbener Eintrittskarten wegen einer, wenn auch kleinen, Horde deutscher Touristen. Schrecklich. Die Pause im Café der Anlage, der umgebaute Pferdestall, war auf jeden Fall angenehmer, wenn auch nicht so bildungsreich. Und uns beginnt zu schwanen, daß dies trotzdem eine Art Bildungsreise wird. In Tschechien gibt es mehr Schlösser als in Frankreich stellen wir in dem hier offensichtlich unbedingt erforderlichen Baedecker irgendwie fest. Eine Schloßrundreise wird es also. Von Zamek zu Zamek. Gabi ist schon ganz begeistert.
Prag.
Über die goldene Stadt braucht man hier wohl nicht mehr viele
Worte verlieren. Eine wunderschöne, besuchenswerte Stadt, was
aber viele andere auch meinen. Sehr viele. Das Hotel Racek (Hausboot)
ist gut, liegt direkt an der Straßenbahn die an der
Karlsbrücke hält, was will ein
Tourist
mehr. Wir schauen uns mehr oder weniger das Übliche an, machen
eine Stadtrundfahrt mit einem der vielen Anbieter vom Wenzelsplatz.
Entsetzt bin ich über den Auftrieb im St. Veits-Dom. Obwohl
keiner Kirche zugehörig, denke ich schon, daß man die
Häuser, in denen die Gläubigen ihre Rituale abhalten und zu
ihrem Gott beten, achten soll. Hier aber geht es zu wie in der
U-Bahn. Tausende von Touristen werden von hunderten
regenschirmwinkenden und vor sich hin brabbelnden oder mal laut
rufenden Reiseführen durch den Dom gezerrt. Ich hatte den
Eindruck, hätte man auf eigene Faust die Besichtigung in anderer
Reihenfolge angefangen, wäre man spätestens hier von der
wogenden Masse wieder zurückgeschoben, wenn nicht gar
niedergetrampelt worden. Ein Besuch im U Fleku, dem alten Brauhaus
mit leckerstem Schwarzbier und typischer Küche versöhnen
wieder. Ebenso die Suche nach den etwas abseits liegenden
wunderschönen Jugendstilfassaden. Und der Blick vom Burgberg
über die Stadt, die Moldau und ihre Brücken. Und ... und
...
Nachdem wir uns in einem der Touristenshops am Hradschin noch einige wunderschöne Kaffeetassen zur Erinnerung und zum Gebrauch gekauft haben geht die Fahrt am Vormittag weiter. Richtung Norden, Richtung Teplice, Teplitz-Schönau. Weit kommen wir nicht, bis das nächste Schloß am Wegesrand winkt und entdeckt werden will. Zwar schon von weitem zu sehen und auch ausgeschildert, aber doch versteckt in den Höhen über der Vltava.
An Teresin (Theresienstadt), dem Vernichtungslager der Nazis, fahren wir vorbei. Es ist schon beklemmend, die Ausmaße der Festung zu sehen in denen das faschistische Regime die zu Gegner und für vernichtenswert erklärte einsperrte, verschwinden lies, umbrachte. Hier sollten die Funktionäre der Vertriebenenorganisationen ihre Vergangenheitsbewältigung beginnen.
Am frühen Nachmittag kommen wir nach Teplice, wo wir uns ein wenig die Beine vertreten und eine kleine Pause einlegen. Und außerdem müssen wir unbedingt noch ein paar Tassen für unseren Haushalt anschaffen ;-) . Und die sind diesmal wirklich preiswert. Dann geht weiter nach ...., dem Ort an dem Gabis Mutter aufwuchs. Nein, bleiben will sie hier nicht, nur mal dagewesen sein. So fahren wir in den Abend hinein, an Usti n.Laabe (Aussig) vorbei, über Decin (Tetschen) bis wir in .... ein Hotel zur Übernachtung finden.
Ein Ort, abseits aller Durchgangsstraßen, es gibt ein Hotel, übriggeblieben noch aus kommunistischen Zeiten. Alt, abgewohnt, riesig. Aber man beginnt auch hier zu renovieren. Da es schon nach 22.00 Uhr ist, Essen, nein. Vielleicht in dem Restaurant gegenüber oder im Sportklub um die Ecke. Aber auch hier Kopfschütteln. Also nur noch einen Schlummertrunk im Hotel, der Ort erscheint wie ausgestorben. Am nächsten Morgen, der Platz vor dem Hotel quillt über vor Leben, lässt ein gutes tschechisches Frühstück a la carte alles wieder positiv aussehen. Ja tatsächlich, es gibt in Tschechien Frühstück in allen Einzelteilen, wie man sie wünscht, aus der Karte. Und da auch die Preise für unsere Verhältnisse alles andere als hoch sind, gehts uns wieder richtig gut. Und die Sonne scheint, was will man mehr.
Nun geht es weiter nach Liberec (Reichenberg), der schönen alten sudetendeutschen Stadt. Ein Bummel durch die Altstadt und Einkaufszone gehören ebenso dazu, wie die Kaffeepause im Jugendstilcafe Hotel Parisz.
Da wir dann noch Zeit haben um unser heutiges Tagesziel, Jablonec (Gablonz) zu erreichen, machen wir einen Abstecher ins Isergebirge. Schöne kleine Orte, wunderbar restaurierte alte, teerschwarze Holzbauden. Doch, wirklich schön hier. Der Schock kommt, als wir versuchen über das Gebirge zu fahren. Als wir eine gewisse Höhe erreichen und die Gipfel sehen können, nur noch abgestorbene Bäume. Nur noch Skelette. Ein trauriger Anblick. Wegen der inzwischen weiträumigen Aufforstungen und Abholzaktionen ist wohl auch die auf unserer Karte eingezeichnete Straße gesperrt. Mit unserem Jeep trauen wir uns dann aber doch und queren die Höhen per Waldweg. Vorbei an den Augen der erstaunten Treiberposten der gerade stattfindenden Jagd samt erlegten Hirsch kommen wir hinab nach Jablonec n. Nisou, Gablonz an der Neisse. Jablonec ist immer noch der Hauptort der nordböhmischen Glasschmuckindustrie. Die nach dem zweiten Weltkrieg vertriebenen Sudetendeutschen haben diese Industrie, als sie sich in Neugablonz bei Kaufbeuren ansiedelten, dorthin mitgebracht. In Neugablonz sind heute immer noch fast 3000 Arbeitsplätze in dieser Kleinst-, Klein- und mittelständischer Gablonzer Industrie angesiedelt, weltweit werden die Schmucksteine exportiert. In Jablonec haben wir uns mit Freunden aus Neugablonz verabredet, in der Pension ... (Jägerhaus). Als wir gerade zu Abend essen kommen sie hereingeschneit, sie haben noch ein paar Tage Urlaub in Ungarn gemacht. Gabi ruht sich aus, Jirschina besucht ihre Eltern, Klaus und ich gehen ein Bier trinken.
Im U kriszku, eine Arbeiterkneipe, die von den Leuten den nahegelegenen Hochhaussiedlung und der etwas weiter unten liegenden Fabrik besucht wird. Randvoll. Wir stellen uns an die Theke, bekommen natürlich sofort unser Bier. Und mir wird fast schwindelig. Der Bierhahn glüht fast, ein Glas nach dem anderen, nur Halbe natürlich, wird gefüllt und anscheinend sofort ausgetrunken, der Strom reißt nicht ab. Da wäre hier so mancher Wirt wohl richtig neidisch ...
Am nächsten Morgen fahren wir weiter, auch wenn man uns drängt noch zu bleiben. Wir fahren entlang des Riesengebirges über Tanvald Richtung Harrachov, dem Touristenort, biegen dann aber kurz vorher ab, über Vrchlabi (Hohenelbe) bis nach Trutnov. Über weite Strecken begleitet uns die Aussicht auf die Schneekoppe. Den Rübezahl haben wir nicht gesehen. aber wir waren ja auch nur Tagsüber und auf belebten Straßen unterwegs. Auf einer Tour zur Elbequelle hätte das schon anders aussehen können.
So fahren wir weiter Richtung Südosten, entlang des
Adlergebirges (Orlicke hory) bis Nove Mesto nad Metuji (Neustadt an
der Mettau). Hier sind wir nicht bewußt hingefahren, es lag
einfach so auf der Strecke. Aber las wir dann in das erst 1501
gegründete Städtchen kommen, dessen wunderschönen
Marktplatz queren, ja richtig diagonal geht die Autostraße da
rüber, vorbei an den Laubenhäusern, dem
Renaissanceschloß und dem Rathaus, nein das geht nicht. Sofort
anhalten, gut das nicht soviel Verkehr ist, parken, staunen, schauen.
Eine wahrhaftige Überraschung. Wo gibts so was noch?
Beim Stöbern in den Reiseunterlagen während der sofort im Freiluftcafe eingelegten Eispause findet sich noch ein berühmtes Schloß ganz in der Nähe, daß wir dann noch besichtigen müssen: Ratiborice.
1813 haben hier der preußische König, der russische Zar und Österreichs Metternich beraten, wie denn wohl weiter gegen Napoleon vorzugehen sei. Ein wunderschön hergerichtetes altes Schloß, heute mitten in einem Naturschutzgebiet gelegen mit einem interessanten Museum (und bösartigen Waffenkammern).
Wir fahren weiter am Adlergebirge entlang, gleich zur polnischen Grenze, verlassen nun so langsam Böhmen (Cesky) und kommen nach Mähren (Moravia). Über Kraliky (Grulich) und Hanusovice (Hannsdorf) fahren wir auf herrlich gelegenen kleinen Nebenstraßen nach Sumperk (Mährisch Schönberg). Von hier aus ist es nur noch ein kurzes Stück bis nach Sobotin (Zoptau), wo sich unser Schloß(Hotel) befindet. Es ist schon dunkel und die Wegweisung des Hotels ist für uns undurchschaubar, so daß wir es erst trotz des eigentlich kleinen Ortes noch mehrmaligen Umkreisen von Sobotin und Befahren fast aller Wege und Straßen irgendwie von der Rückseite finden. Aber wir finden es. Beziehen unser riesiges Zimmer, meine Güte, fast eine Suite. Bekommen das Fernsehen, wie im Prospekt angekündigt. Ja, zu Abend essen wollen wir auch noch. Wo uns der Direktor dann mitteilt, daß wir ab übermorgen eigentlich die einzigen Gäste sind und ob wir denn abends im Hotelrestaurant essen wollten. Da wir uns nicht festlegen wollen, sagen wir nein, woraufhin er mit einem Stapel Bons wiederkommt. Für das Frühstück, aber wir könnten sie auch anders ausgeben. Na ja, hoffentlich fangen sie morgen nicht einen Komplettumbau an.

Sie werden sich sicher wundern ...
Nein, keine Panik, hier sind wir noch in den alten Zeiten. So schnell geht das da nicht. Das Schloß ist das Gästehaus eines Bergbaukonzerns, daß wohl so nebenbei als Nobelhotel Geld miterwirtschaften soll (aber offensichtlich nicht muß). Sonst ist aber alles sehr nett hier, nur das Frühstück, daß wir schon irgendwie gerne hätten, ist etwas, nun, gewöhnungsbedürftig. Natürlich ist es wieder a la carte, auch wenn wir die einzigen Gäste sind, ist extra der Koch da und eine Bedienung. Von sieben bis 10 Uhr. Und wir stehen normal immer erst im frühestens halb zehn auf der Matte. Das heißt ich bin schon meist früher wach, warte aber auf meine holde Angetraute. Na ja, dann gehe ich halt schon um halb neun frühstücken, alleine. Bestelle für zwei und nehme das für Gabi mit. Das Mädel ist zwar sehr erstaunt, aber doch froh, nicht solange warten zu müssen, andrerseits versäumt sie wohl auf die Art und Weise Dallas oder Denver. Irgendsoetwas läuft halt im obligatorischen TV. Und erklären ist natürlich für unsereinen nichts und sie kann nur die Speisenkarte auswendig. Aber ... es ist Urlaub. Also erst einmal ein kleinen Spaziergang durch den Schloßpark, der mit einem kleinen Weiher im Sommer zum Bade einlädt. Die Bäume beginnen sich herbstlich zu färben, das Schloß sieht schon schön aus.
Ich bin voller Tatendrang und lasse mich von der Ruhestimmung von Gabi nicht zurückhalten, eine erste Erkundung steht an. Ich schlendere durch den Ort, der merkwürdigerweise eine Eisenbahnanbindung hat, bald ist der Rand erreicht, der Blick auf das Altvatergebirge ist da, welcher mag der Altvater sein, also erstmal ein Stück hinauf, bis der Blick über die Wiesen und bunt gemischten Laubbaumreihen bis nach Marsikov (Marschendorf) reicht. Nett hier, und ruhig, doch, ein schönes Urlaubsziel.
Nachdem wir uns ansprechend ausgeruht haben
geht es am folgenden Tag nach Jesenik (Freiwaldau). Wir queren den
Cervenohorske sedlo, den Roten-Berg-Sattel und kommen über
Philippsdorf, Thomasdorf, Adelsdorf, Buchelsdorf -alles Namen aus den
Geschichten und Erinnerungen meiner Mutter- nach Freiwaldau. Jesenik
ist heute ein moderner und lebhafter Ort, mit Touristik, Handel und
Industrie. Der Platz am Rathaus und Schloß derer von
Dittersdorf ist verkehrsberuhigt und somit ein ruhender Pol. Aber
weder das eine noch das andere hat in den Geschichten meiner Mutter
stattgefunden. vielleicht war es ja zu weit weg, in beiderseitigem
Sinne. Zu weit von der Entfernung, ja ein Bus fuhr ja schon, den man
man auch für die Fahrt zur Lehrstelle brauchte. Und zu weit von
der Welt in der man lebte. Dem kleinen Kätnerhaus in Waldenburg,
Bela nad Praded, direkt unterhalb des Altvaters, dem Praded. Wir
machen noch einen Abstecher nach Gräfenberg und schauen von der
Priessnitz-Klinik ins weite Land. Priessnitz ist so was
ähnliches wie Kneip. Bekannt ? Und ganz in der Nähe ist Bad
Lindewiese, von dort wurde die Idee der Schrothkur mit dem Ende des
zweiten Weltkrieges ins Allgäu getragen, nach Oberstaufen.
Dann hält mich nichts mehr, ich will jetzt unbedingt dieses Waldenburg sehen.
Waldenburg/Bela nad Pradem, ein kleines ruhiges Straßendorf, an der Nebenstraße nach Karlova studanka, Karlsbrunn gelegen. Mit kleinen schwarzen und grünen Holzhäusern am Straßenrand, einer Bushaltestelle, auch heute noch weit in den Wald hineinreichenden Wiesen an den Berghängen. Ja hier kann ich mir meine Mutter vorstellen. Wir halten an, gehe den Ort nach oben und unten, überlege, ob ich nach den Bekannten fragen soll, die sie immer erwähnt. Nein, will ich dann doch nicht, es soll unser Urlaub sein. Es ist schon ein Ort, an dem man eine glückliche Kindheit verbringen konnte, auch als siebtes Kind eines Tagelöhners. Nachdenklich fahre ich weiter. Auf der Passhöhe Gabelkreuz halten wir an, gehen ein wenig in den Berg hinein, schauen nochmal hinunter nach Waldenburg, daß von hier nicht mehr direkt zu sehen ist, nur die weite stille Landschaft, die Berge. Die Wälder, Wiesen und Wolken.
Wir umkreisen den gesamten Gebirgsstock, Gabel, Karlsbrunn und Römerstadt (Rymarov) nehme ich nur am Rande war, doch ansehen werden wir sie uns schon noch.
Zum warmwerden und einlaufen machen wir eine Wanderung. Zuerst
durch Sobotin. inzwischen haben wir rausbekommen, daß es noch
eine Fahrradfabrik und ein großes Sägewerk hier gibt,
daß das Schloß von einer Familie Klein umgebaut wurde.
Die Kleins hatten hier Ende des 19. Jahrhunderts eine Eisenhütte
betrieben und dann die Eisenbahn in diese Gegend gebaut (lassen). An
sie erinnert noch ein riesiges Mausoleum, daß man fast vom
ganzen Ort aus sieht, es ist unser erstes Ziel. Leider abgeschlossen
und kaum zugehbar und recht verfallen. Von hier aus gehts weiter an
die kleine Kirche des langgestreckten Ortes. Hier nahmen
übrigens die berühmten Hexenprozesse dieser Gegend ihren
Ausgang nachdem wohl eine Bäuerin hier eine Hostie gestohlen
hatte.Nach einer Andachtspause auf dem Friedhof stellen wir fest wie
gut wir vorangekommen sind und beschließen die Wanderung bis
nach Velke losiny (Groß Ullersdorf) auszudehnen. Wir queren
einen Bergrücken und kommen nach Marsikov (Marschendorf). Hier
machen wir an den kleinen Holzkirche St. Michael aus dem Jahre 1609
Pause. Weiter gehts an der kleinen Nebenstraße nach Velke
losiny. Groß Ullersdorf, ein altes Heilbad - mit einer
Schwefelquelle- mit einem schönen Park aus dem Jahre 1861, einer
Papiermanufaktur, in der heute noch handgeschöpftes Bütten
hergestellt wird und einem angeschlossenen hochinteressanten
Papiermuseum. Ganz im Süden des Ortes befindet sich das
Schloß der Zerotiner. Eine Renaissanceschloß, für
dessen Erbauung einer der damaligen Herren weite Landstriche seines
Fürstentums verkaufte. Und den Rest seiner Bauern so
ausquetschte, daß es bald zu Aufständen kam. Als die
niedergeschlagen waren, wurde der Zerotiner Besitz konfisziert und
sie mußten ihn zurückkaufen, zum Teil dadurch, daß
sie katholisch wurden. Und dann begann die Hexenverfolgung. Im
Schloß ist noch das Gerichtsbuch darüber als Original zu
sehen. Mindestens 1000 Seiten dick, ungefähr 100 sind
beschrieben (die ersten! 56 Fälle), der Rest ist noch!? leer. In
deutsch übrigens. Brr. das dreiflügelige
Renaissance-Schloß erhielt dann noch einen dreiflügeligen
barocken Anbau, die Inneneinrichtung insgesamt ist unbedingt
sehenswert.
Dann geht es am Bahnhof von Theresiental (Terezin) über den Bergrücken wieder zurück nach Sobotin. Vorbei am Sägewerk gehts zurück zu unserem Schloß.
Das Wetter hält. Also möchte und muß ich die Kammwanderung zum Praded, Altvater machen. Gabi ist früh aufgestanden und bringt mich zum Bergsattel am Skritek (Kobold). Die Heinzelmännchenfigur, die gleichzeitig in alle 4 Richtungen blickt, ist das Startzeichen für meine Tour. Es geht dann gemütlich durch den Wald, vorbei am Hochmoor, langsam, aber stetig bergauf. Es wird dann steiler, bis ich die Verlorenen Steine (Ztracene kameny) erreicht habe. Es geht, wie so oft um eine Teufelssage, bei der ein Bäuerlein mal wieder der Klügere war. Ich jedenfalls genieße die bereits wunderschöne Aussicht Richtung Sobotin. Ein alter deutscher Grenzstein von 1740 erinnert ebenfalls wieder an Geschichte, hier verlief die Grenze zwischen Schlesien und Mähren. Vorbei an den Felsblöcken Pec und Pency, über die es ebenfalls eine Geschichte gibt, geht es nun auf dem breiten Kannrücken zur Hirschquelle, Jeleni studanka. Hier ist man schon 1311 m hoch und ich kann die herrliche Rundumsicht genießen. Die Sonne scheint, die Quelle murmelt und plätschert vor sich hin, die mitgenommene Brotzeit schmeckt, ein herrlicher Tag. Weiter gehts an den Petersteinen (Petrovy kameny) vorbei. Hier, so erzählen die alten Geschichten, sollen die Hexensabatte abgehalten worden sein. Ein wenig unheimliches hat der Ort ja schon an sich. Und der Wind pfeift über den Kammrücken, es wirkt richtig ungemütlich. Aber, es gibt inzwischen den freien Blick auf den Altvater, Praded. Gekrönt von einem immer wieder in den Wolken verschwindenden Fernsehturm liegt er ruhig und behäbig da, dominiert mit seiner Höhe. Doch vor den Erfolg haben die Götter, auch der Altvater, den Schweiß gesetzt. Erst müssen wir von den schon 1438 m hohen Petersteinen wieder absteigen, hinunter zur Schäferei, Ovcarna. Gottseidank ist die Zufahrt hier hinauf nur mit dem Bus möglich und den Rest muß zu Fuß bewältigt werden. Massen von Besuchern sind unterwegs zum zweithöchsten Berg Tschechiens. Es geht auf der geteerten Zufahrtsstraße (für den Fernsehturm) immer rund um den Praded, immer weiter hinauf, bis zum Gipfelplateau. Das Bier hat man sich verdient und lässt den Rundblick genießen. Hinunter nach Freiwaldau, bis Bruntal, zu den Glaazer Schneebergen. Bis zum Riesengebirge oder der Tatra reicht die Sicht heute leider nicht. Nach der wohlverdienten Pause geht es wieder die Spirale hinunter, bis zur Abzweigung zur Svycarna, der Schweizerei. Durch herrliche Wälder geht der breite Forstweg gemächlich bergab bis zur Schweizerei-Hütte. Eine richtige Baude, so wie sie im Buche steht. So wie sie eingerichtet ist, muß hier im Winter der Teufel los sein, oder war der nicht auf der anderen Seite des Pradeds ? Aber locken könnte es schon, hier mal zum Langlaufen herzukommen. Eine Kaffepause tut nochmal gut, bevor ich mich auf den letzten Teil meines Weges mache. Der breite Weg (Zufahrt zu einem Stausee) ist nun zu Ende, es geht wieder über Pfade und Steige weiter. Pfade, die auf einmal auf Holzplanken weitergehen, riesig lange Knüppeldämme quer durch große Hochmoorflächen. Ganz ruhig ist es, kein Tier zu hören, nur die Wolken zausen im Wind. Die Berghänge nach den Mooren sind abgeholzt, die Reste erklären warum: auch hier Baumsterben. Zur Erinnerung grüßen aus der Ferne drei Windmühlenmasten. Hoffentlich reicht es noch, dieses wunderschöne Stückchen Erde zu bewahren. Und langsam gehts nun zum Roten-Berg-Sattel, der großen Wintersportanlage und riesigem Hotel auf dem Cervenohorske sedlo. Und, wie abgesprochen, kommt Gabi genau jetzt zum Abholen. Die wunderschöne Wanderung, wenn auch über 10 Stunden, mit herrlichen Ausblicken, toller Landschaft, ursprünglicher Natur lassen wir bei einem gemütlichen Essen im Hotel-Restaurant auf dem Roten-Berg-Sattel ausklingen.
Doch nach all der Natur pur wollen wir uns eine große Stadt ansehen, Olomuc (Olmütz).

Olomuc, mit den brunnengeschmückten Plätzen, schönen Adelspalästen , Bürgerhäusern und zahlreichen Kirchen eine wirklich besuchenswerte Stadt. Nicht nur ob des wunderbaren Wetters sind wir immer wieder bass erstaunt. Ob es die vergoldete Dreifaltigkeitssäule ist,
die Renaissancefassaden, die beiden Brunnen auf dem Niederring, der dreieckige Platz der Republik, die astronomische Uhr am Rathaus,

der gotische St.-Wenzels-Dom mit den barocken Anbauten

oder nur die Eingangstür zur Hauptpost. Eines genauso schön und interessant wie das andere zu schauen. Alles lädt ein zum bummeln, durch die Straßen und Gassen zu schlendern. Trotzdem, es ist nicht nur ein Museum, alles lebt und pulsiert.

Im Nu ist der ganze Tag verflogen und wir machen uns wieder auf
den Rückweg. Unabdingbar ist dabei der Abstecher auf den
Heiligenberg /Svaty Kopecek), dessen riesige Wahlfahrtskirche aus dem
17. Jahrhundert schon von weitem den Weg weist. Und von dort oben hat
man dann die wunderschöne Aussicht über die gesamte
Haná-Ebene das Tal der Morava mit Olomuc, Olmütz. Die
Stadtsilhouette, die langsam im Dunst des goldenen Lichts der
Abendsonne versinkt, ein Bild das bleibt. Es geht dann nicht auf
direktem Wege weiter, sondern durch das Oderquellgebiet, eine
herrliche, fast menschenleere Hügellandschaft. Auch hier
drängt sich der Wunsch auf, noch einmal in Ruhe wiederkommen und
schauen. Wieso hat man selbst im Urlaub noch so einen
Streß´?
Eine Bergtour ist natürlich nicht genug und so kann ich Gabi auf einen Aussflug überreden. Wir besuchen zuerst noch das Waldkirchlein in Gabel (Vidly), das da so romantisch über dem kleinen Ort und der Oppava thront und wollen dann von Karlova studanka, Karlsbrunn, dem Kurbad, entlang der Bilá Opava und deren Wasserfällen zur Barborka-Hütte und von dort vielleicht noch weiter bis auf den Praded. Doch, wenn man schon hier ist, will man ja auch mal da gewesen sein. Also, die Wanderstiefel geschnürt und los gehts. Wir parken auf dem Parkplatz des Hotel Hubertus, ganz am Rande von Karlova studanka und folgen den laut Wanderführer gut gekennzeichneten Wege. Leichte Bergtour, drei Stunden. Das hätte mir eigentlich zu denken geben sollen. Bekannte von mir wissen schon warum, es gibt da so Geschichten. Und dann noch die Warnung im Führer, Steige und Brücken mit Geländer und nur während der Sommermonate zu begehen. An der Abzweigung zwischen leichtem und schwereren Weg nehmen wir natürlich den schwereren, weil wohl interessanter. Das ist er dann auch. Aber, aber ....Es hatte wohl vor nicht all zu langer Zeit Hochwasser gegeben, die Brücken, soweit man sie so nennen konnte, waren nur noch selten da, wo sein sollten. Es galt also den Bach mehrfach zu queren, per Sprung oder großen, wackeligen Steinen, glitschigen Bohlen und Baumstämmen oder so. Eine Brücke, stabil und neu stand zwar noch, ging aber nicht mehr über den Gebirgsbach, also auch hier über die von klugen Wanderern gelegten Trittsteine. Oh je, oh je. Und kurz vor dem großen Wasserfall, dort wo es wohl am steilsten ist, war dann ein ganzes Stück Hang abgerutscht. Kein Weg mehr da, weg, verschwunden. Und jetzt ? Umkehren, klettern ? Entgegenkommende zeigen die Lösung. Es gibt derer zwei. Den hier breiten Bach nochmal zur Hälfte queren, ein Stück weggespülte Brücke bis auf die andere Seite nutzen und dann über umgestürzte Bäume den Hang hinauf. Oder im abgerutschten Hang im aufgeweichten Waldboden ca. 4 Meter steil hinauf, eine überhängende Felsnase frei umrunden und schon hat man den Weg wieder. Schluck. Wie im Hochgebirge. gute Güte, leichte Bergtour, drei Stunden. Weiter oben kommen uns mehrere Schulklassen entgegen. Obwohl es da auch zum klettern ist, keiner regt sich auf, keine Panik. Weder die Kids mit ihren wunderschönen und immer noch weißen Turnschuhen, oder heißt es Nikes, noch die wenigen Aufsichten. Wir überlegen, daß wohl bundesdeutsche Schüler und Pädagogen, nein, eigentlich undenkbar, sie sich hier vorzustellen. Leider ziehen hier oben dann Wolken auf, es beginnt zu nieseln und wir werden tatsächlich richtig naß. Und es gibt keine Aussicht mehr, nur Nebel. Schade. So kehren wir in die Ovcarna, direkt an der Bushaltestelle am Praded ein und erholen uns von der leichten Bergtour, drei Stunden. Aber spannend war sie schon. Als wir dann wieder hinunterfahren wollen und wir in den ankommenden Bus einsteigen, stellen wir fest, es ist der falsche. es ist garnicht der Linienbus, sondern ein Ausflugsfahrt, die hier ihre letzten Wanderer einsammelt. Aber es ist kein Problem, jemand spricht deutsch, gut deutsch, und wir können selbstverständlich mitfahren bis zum Hubertus. Hier regnets dann auch nicht mehr und wir sehen uns das Kurbad mit den großen schwarzen Holzhäusern an, probieren einen Schluck von dem berühmten Heilwasser. Trinkkuren bei Blutarmut. Na ja, wenn es nicht unbedingt sein muß ... Es schmeckt halt sehr gesund.
Zeit für einen Tagesauflug bleibt noch.Wir fahren Richtung Glaatzer Schneeberge, Góry Klodzkie Snieznik und Reichensteiner Gebirge, Richlebsky hory an der polnischen Grenze. Wir fahren über Velke losiny und Neudorf, Zerova und seinem Holzkirchlein nach Hanusovice, Hannsdorf. Vorbei an der Brauerei mit dem wirklich gutem Bier biegen wir ab nach Stare Mesto, Mährisch Altstadt. Hier folgen wir dann dem Wegweiser Richtung Paprsek, dem Schlesierhaus. der Weg führt kilometerweit auf einem ganz engen Waldsträßchen entlang der polnischen Grenze immer weiterhinauf bis unterhalb des Tietzhübel, Vyhled, 1030 m, zum Schlesierhaus, das dann auf einmal aus dem Nebel auftaucht. Leider ist es hier oben auf 1000 Meter wieder wolkenverhangen, wenn auch ohne Regen. So kehren wir in die alte Baude ein und stärken uns. Meine Mutter erkannte es übrigen sofort anhand des Zuckerbriefchens, das wir mitnahmen, wieder, das Schlesierhaus. Ohne Aussicht geht es bald wieder hinunter. Von Stare Mesto lassen wir uns über kleine Nebenstraßen Richtung Freiwaldau treiben. Kommen in Jammerthal, Bida vorbei und an den großen Liftanlagen für den Wintersport in Ramsau, Ramzova unterhalb der Hochschar, Serak. Bei Bad Lindewiese biegen wir links ab, Richtung Jauernig, Javornik. Hier werfen wir noch einen Blick auf das Schloß Johannesberg. Von hier aus geht es wieder zurück durch Freiwaldau, Jesenik, noch einmal über den Rotenbergsattel zu unserem Schloß in Sobotin. Der Park ist schon richtig herbstlich geworden, die Blätter sind inzwischen alle bunt, Nebel hängt zwischen den Bäumen. Ein Bild des Abschieds.
Wir fahren von Sobotin vorbei am Skritek, der die Berge und die
Reisenden bewacht, Richtung Römerstadt/ Rymarov, biegen dort ab
und durchqueren nochmal des Odergebirge. Auch im fahlen Licht der
bleiernen Herbstwolken ist es wunderschön. Wir kommen über
Odrau/Odry, dem ersten Ort, der nach der hier bereits als Fluß
erkennbaren Oder benannt ist und Fulnek im Kuhländchen, das bis
1945 eine deutsche Sprachinsel in der Oderniederung war, nach
Freiberg/Pribor. Freiberg ist der
Geburtsort von Siegmund Freud und
ganz in der Nähe liegen die Tatra-Automobilwerke, in denen ein
Herr Porsche erstmals ein Auto mit einem luftgekühlten Motor
konstruierte. Auch Emil Zatopek, der tschechische Wunderläufer
kommt von hier. Wir bekommen davon keine Neurosen und folgen der
Hauptstraße über Frydek-Mistek bis
Frydland n.O.,
Friedland an der Ostrawitza. Hier in dem kleinem
Industriestädtchen machen wir noch einmal eine kleine Pause,
bevor wir in die Beskiden aufbrechen wollen.
Nach einem Studium der
im Ort eingeholten Touristikunterlagen fahren wir entgegen unserem
ursprünglichen Plan über Ostravice an den großen
Stausee am Jablunka-Gebirge sondern biegen rechts ab, Richtung
Frenstat p. Radhost, Frankstadt unter dem Radegast. Im Ort vorher,
Kuncice p. Ondrejnikem/Groß Kunschitz, steht eine Holzkirche
aus Karparto-Russland, das vor dem zweiten Weltkrieg der
östlichste Teil der damaligen Tschechoslowakei war. Auch ein
Stück Vertreibungsgeschichte das da aus dem dichten Nebel
auftaucht.
Da wir, seit wir das Odergebirge verlassen haben im besagten Nebel umherfahren, kommen wir auf die glorreiche Idee von Frenstat aus zu versuchen, diesem zu entfliehen. Es gibt eine kleine Bergstraße, die von dort aus zu den Pustevny-Bergwiesen führt, die in 1018 Meter Höhe am Anfang des Gebirgskamms zum sagenumwobenen Radhost/Radegast liegen. Hier wird Sommerfrische und Wintersport angeboten, bestimmt gibt es hier eine Unterkunft für uns. Und tatsächlich, nachdem wir einiges an Höhe erklommen haben, lichtet sich der Nebel, die Sonne bricht durch und auf der Passhöhe scheint die Sonne. Wir genießen den Sonnenschein und erleben in dem kleinen Almdorf einen wunderschönen Sonnenuntergang hinter dem Radegast. Es wird hier zwar überall gehämmert und gesägt, gestrichen und gemauert, aber leider ist in dieser Nebensaison kein einziges der Häuser oder Hütten geöffnet. Schade. So müssen wir auf der anderen Seite wieder den Berg hinunter, hinein in den Nebel. In dem wir dann herumirren, bis wir nach langer Suche, hin an den großen Stausee und wieder zurück, ein offenes Hotel finden. Am nächsten Morgen, der Nebel hat sich verzogen und die Sonne wieder die Oberhand, stellen wir fest, daß es schon viele Übernachtungsmöglichkeiten in dieser schönen Berglandschaft gegeben hätte, nur im Nebel konnten wir sie selbst wenige Meter neben der Straße nicht entdecken.
Weiter gehts noch einmal im Bogen durch die Ausläufer der Beskiden über Pribor/ Freiberg, der Geburtsstand von Freud, wo wir die Restaurierungsarbeiten bewundern, der gesamte Marktplatz ist eine eine einzige Baustelle, an allen Ecken und Kanten wird gebuddelt, gebaut, erneuert, verschönert. Es geht voran, haben wir den Eindruck. Nach einer Kaffeepause machen wir einen lohnenswerten Abstecher nach Stramberk, wo wir nach einem kleinen Spaziergang durch die schmalen Straßen an den kleinen restaurierten Holzhäusern vorbei den Burgfried besteigen. Rest eines groß-östereich-ungarischen Reiches. Wir fahren dann weiter nach Novy Jicin, Neutischein. Wir kaufen uns keinen Hut in einer der größten Hutfabriken die es im 19. Jahrhundert hier gab, sondern bewundern einmal mehr einen reizvollen, mit wunderschönen Laubengängen gesäumten Marktplatz. Auch das Hutmuseum reizt uns nicht, ein Kaffee im netten Schloßcafe reicht uns heute. Weiter geht es über Hodslavice und seiner schönen Holzkirche aus dem Jahre 1551 und dann Valaske Mezirici, Wallachisch Messeritsch. Hier lassen wir aber das wohl unbedingt ansehenswerte Freiluftmuseum unbesichtigt und begeben uns auf den Weg Richtung Brno, Brünn.
Da wollten schon andere hin und so führt unser Weg über Slavkov u Brna, Austerlitz. Dort wo Napoleon die verbündeten Heere von Österreichern und Russen vernichtend schlug. Garnicht solange her, lernen wir wieder, 1805. In dem bombastischen riesigen Schloß fanden die ersten Waffenstillstandverhandlungen statt. Kein Wunder das da letzlich nichts rauskam, bei diesem Gebäude. Wir fahren weiter über die kleinen Örtchen, die seinerzeit die diversen Hauptquartiere der Heere beherbergten zum Mohyla miru, dem Friedenhügel. Hier, auf der in der Schlacht bei Austerlitz meist umkämpften Höhe wurde 1911 ein Jugendstil-Ehrenmal in Form einer altslawischen Grabstätte zur Erinnerung an alle gefallenen 34000 Soldaten errichtet. Von hier geht der Blick weit über das durch und durch mit Blut getränkte Land. Mitteleuropäische Geschichte hat hier stattgefunden, brutal, wie eine Schlacht ist. Fühlbar, hier ist Mitteleuropa. Nachdenklich rollen wir langsam weiter.
Brno/Brünn,
endlich wieder eine Großstadt. Auch wenn es Anfangs schwer
fällt mit dem wieder quirlenden Verkehr zurechtzukommen, es ist
schon aufregend, soviel Leben. Da es natürlich wieder spät
ist, suchen wir als erstes ein Hotel. Wir folgen einfach einem der
vielen Wegweiser und Reklametafeln und finden eines der großen
alten Hotels, zwar noch aus der kommunistischen Zeit, aber mit durch
und durch bürgerlichen Charme, Wien und Bratislava sind nicht
mehr weit, und mieten uns für gleich zwei Nächte ein. Das
Hotel liegt direkt an der Innenstadt und nach dem Abendessen machen
wir noch einen Spaziergang durch den wirbelnden Menschenstrom der
nahen Fußgängerzone. Praktisch gegenüber liegt ein
Theater mit einem interessanten Musikprogramm, leider gelingt es uns
nicht am nächsten Morgen Karten für eine der Vorstellungen
am Abend zu ergattern. Kultur geht halt nicht immer so spontan. So
spazieren wir gemütlich und wieder bei strahlendem Sonnenschein
durch unsere Fußgängerzone bis hin zum Freiheitsplatz, dem
Unteren Markt.
Von hier ist es nicht weit zum Dom mit den beiden nadelspitzen Türmen auf dem Petersberg. Und von hier lockt dann der Spielberg mit seinergewaltigen Zitadelle. Auch der Freiherr von Trenck saß hier ein. Wir lassen uns nicht lange festhalten und wandern weiter, diesmal in die Moderne. Cernipolni No. 45, die Villa Tugendhat. Mies van der Rohe letztes bedeutendes europäisches Werk, ein konstruktivistisches Wohnhaus. Alles schön viereckig. 1992 trennten sich hier die Tschechen und Slowaken voneinander. Zu Abend essen wir in einem der vielen kleinen und gemütlichen Lokale in der Altstadt, anschließend kehren wir noch auf ein Bier in einer der gut besuchten Studentenkneipen ein. Nette Stadt, nette Leute, schöner Besuch.
Zunächst entführt mich Gabi am nächsten Vormittag als Kartenleserin und Pfadfinderin nach Kyvalka. Als Überraschung. Hier liegt die Rennstrecke des Masaryk-Rings. Als Formel-I-Fan wollte sie mir was Besonderes bieten, leider gibt es kaum was Öderes als eine leere Rennstrecke, auch wenn sie noch so toll aussieht. da sind die riesigen Karsthöhlen im Mährischen Karst bei Blansko schon viel beeindruckender. Vor allem der Blick von der Aussichtsstelle in den Macocha-Abgrund, dem 138 m tiefen Einsturzkessel einer ehemaligen riesigen Höhle. Wow, die Menschen die unten auf Besichtigung durch die Höhlen wandern und aus der großen Höhle nach oben schauen scheinen nur noch so groß wie Ameisen.
Quer durchs Land führt der Weg uns immer wieder an
wunderschönen und aufregenden Schlössern vorbei nach Namest
nad Oslavou/Namist an der Oslawa. Hier
in dem riesigem
Renaissanceschloß, zu dem eine Steinbrücke, die mit vielen
erhaltenen Barockfiguren verziert ist, entstand 1593 die erste
gedruckte Bibel in tschechischer Sprache. Auf dem Schloß lebten
und arbeiteten bekannte Musiker wie Gluck, Salieri, Strauß und
Haydn.
Wir kommen dann nach Trebic/Trebitsch wo wir bereits am Marktplatz ! Sgrafitto geschmückte Fassaden bewundern. Auch der Turm der Pfarrkirche mit der größten Uhr des Landes, 7 m Durchmesser, fällt ins Auge. Wir spazieren nach der Stärkung in der kleinen Konditorei zur beeindruckenden romanisch-gotischen Klosterkirche St. Prokop.
Das nächste Highlight liegt auch so einfach an der Straße. In Jaromerice nad Rokytnou/ Jarmeritz halten wir staunend vor dem riesigem Korolyschem Barockschloß aus Anfang des 18. Jahrhunderts an. Natürlich machen wir einen Spaziergang durch den rückseitigen französischen Garten und versuchen die Ausmaße der Anlage, zu der auch eine große Kuppelkirche gehört, zu erlaufen bevor wir weiterfahren.
In der Abenddämmerung erreichen wir
Telc/Teltsch.
Schon von weitem fällt die Stadt, vielmehr das
altertümliche Städtchen mit seiner Stadtmauer und dem
Wassergraben um die Stadt auf. Wir parken voller Hochachtung draussen
und gehen hinein.
Da wir auch eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, wollen wir nicht zuerst in den Mittelpunkt der Stadt, kommen aber dann, wie es mit solch mittelalterlichen Orten ist, nicht daran vorbei. Und obwohl man uns ja vorgeschwärmt hatte, bleiben wir am Anfang des Marktplatzes staunend stehen. Dieser langgestreckte und in seiner ursprünglichen Geschlossenheit einzigartige Platz ist mit seine malerischen Laubengängen und Giebelhäusern wirklich beeindruckend.Ach ja, ein Hotel finden wir auch.
Man kann hier buchen.Und zu Abendessen, was wir in dem gemütlichen Gewölbekeller machen. Dann genießen wir den schönen Abend mit einem Rundgang durch die mittelalterliche Stadt. Da natürlich über die vielen Objekte das Filmmaterial ausgegangen war, mußte morgens als erstes Nachschub geordert werden, dann gings wieder auf Entdeckungstour durch das Städtchen.
Auch das Schloß mit seinem herrlichen Renaissancegarten
haben wir besichtigt, wir konnten uns gar nicht mehr losreißen.
Ein krönender Abschluß einer wunderschönen Reise.
Davon kann uns auch die Pause in Jindrichov Hradec/Neuhaus nicht abbringen, obwohl auch diese Stadt nur 15 km nördlich der österreichischen Grenze ein wunderschönes Ausflugsziel ist. Mit dem Schloß das auf de anderen Seite des Vajgar-Sees zu sehen ist, der Altstadt mit seinen wunderschönen Häusern und Gassen. Nach der Pause rollen wir nun gemütlich noch ein Stück durch Tschechien, queren die Grenze auf der Hauptstraße südlich von Budweis, halten nochmal in Freistadt und erleben den letzten Sonnenuntergang unserer Reise. Noch ein krönender Abschluß.
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