Neurofibromatose Typ II

verursacht durch Genmutation auf dem Chromosom 22.

Diagnostische Kriterien:

Symptome und Begleiterscheinungen,
Schwannome und andere Tumoren,
Beginn der Krankheit,
Behandlungsmöglichkeiten für Tumoren,
Untersuchungsmethoden,
Vererbung,

Symptome und Begleiterscheinungen

Neurofibromatose Typ 2 (NF2)-früher auch bilaterale akustische Neurofibromatose oder zentrale Neurofibromatose genannt - betrifft ungefähr einen von 40.000 Menschen, und zwar unabhängig von Geschlecht und Rasse. Personen mit NF2 haben ein hohes Risiko, Hirntumoren und Tumoren im Bereich der Wirbelsäule zu entwickeln, bei fast allen Betroffenen bilden sich Tumoren an beiden Hörnerven (dem achten Hirnnerven). Dieser Nerv hat zwei Teile den akustischen (Gehör) Nerv, der die Informationen über Geräusche zum Gehirn trägt, und den vestibularen (Gleichgewichts) Nerv, der die Information über das Gleichgewicht zum Gehirn trägt. Die Erstsymptome der NF2 können Symptome der Funktionsstörung dieser Nerven sein, wie z.B. Verminderung oder Verlust des Gehörs, Klingeln und Rauschen in den Ohren (Tinnitus genannt) und Gleichgewichtsstörungen. In der Vergangenheit wurde NF2 manchmal mit der Neurofibromatose Typ 1 (NF1) verwechselt, da beide Krankheiten Haut- und Hirntumoren verursachen können. NF1 geht aber selten mit Tumoren des Gehirns und der Wirbelsäule einher. Wir wissen heute, daß es sich um Krankheiten handelt, denen unterschiedliche Entstehungsmechanismen zugrunde liegen.

Schwannome und andere Tumoren

Obwohl die Tumoren des achten Hirnnerven bei NF2-Betroffenen am häufigsten auftreten, können Personen mit NF2 auch Tumoren an anderen Nerven entwickeln. Diese wiederum lassen sich am häufigsten im Bereich der Hirnnerven, der Wirbelsäule und an den peripheren Nerven auffinden. Die Tumoren werden Schwannome genannt, da sie aus Schwannschen Zellen entstehen. Schwannsche Zellen unterstützen und schützen die Nervenzellen, sie isolieren die Nerven, um die Informationen leiten zu können. Die Symptome, die ein Schwannom hervorruft, hängen von seiner Lage und dem Druck, den dieses auf einen Nerv ausübt, ab.

Wenn Schwannome an den Hirnnerven auftreten (wie am achten Hirnnerv) können sie Nervenfunktionen im Kopf- und Nackenbereich unterbrechen, wenn sie groß sind auf den Hirnstamm drücken, führen sie zu Ausfallerscheinungen am Körper. Schwannome die an peripheren Nerven wachsen, können Empfindungsstörungen in einem Teil des Körpers verursachen. Manche Tumoren können so groß werden, daß sie auf das Rückenmark drücken und Sensibilitätsstörungen und somit Schwäche im Bereich der Beine verursachen, Tumoren die in Nervenbündeln, wie in den Achselhöhlen oder in der Leistengegend, wachsen können zu Schwäche in einem Arm oder Bein führen. Schwannome können auch an sehr kleinen Nerven sichtbar in oder auf der Haut wachsen. Diese Schwannome verursachen selten neurologische Symptome, können aber an der Kleidung reiben, sind druckempfindlich oder kosmetisch entstellend. Im Bereich der Nervenwurzeln der Wirbelsäule können Schwannome zu Sensibilitätsstörungen und Schmerzen in Armen und Beinen und zu Lähmungen führen.

Zusätzlich zu den Schwannomen entwickeln NF2-Betroffene gelegentlich andere Turmorarten, die auf der Oberfläche des Gehirns und des Rückenmarks wachsen. Diese Tumoren, auch Meningiome genannt, können in Abhängigkeit von ihrer Lage viele verschiedene neurologische Symptome hervorrufen. Genauso wie bei Schwannomen kann der Arzt in einer neurologischen Untersuchung Zeichen eines Tumors entdecken, bevor der Patient Symptome bemerkt. Darüber hinaus finden sich Gewebsfehlbildungen im Bereich des Auges oder andere Augenabnormalitäten, die der Beobachtung eines Augenarztes bedürfen. Die meisten NF2-Betroffenen entwickeln eine Linsentrübung. Da die Katarakt die Sehfähigkeit beeinträchtigen kann, ist es für alle Menschen mit NF2 wichtig, sich einer detaillierten Untersuchung der Augen durch einen Spezialisten, der mit NF2 vertraut ist, zu unterziehen.

Beginn der Krankheit

Der zeitliche Verlauf der NF2 variiert stark von Individuum zu Individuum. Bei den meisten Personen mit NF2 zeigen sich die ersten Symptome in der Pubertät oder in der zweiten Lebensdekade, wenige entwickeln Symptome in der Kindheit und manche haben keine Probleme, bis sie 40 oder 50 Jahre alt sind. Sogar in derselben Familie kann der Beginn oder der Verlauf der Krankheit sehr unterschiedlich sein.

Wie bereits beschrieben, sind die ersten Symptome häufig eine Minderung oder der Verlust des Gehörs, Klingeln im Ohr oder Probleme mit dem Gleichgewicht. Gelegentlich treten neurologische Ausfälle durch Tumoren der Wirbelsäule als erstes Zeichen der NF2 auf, selten ist die Sehminderung ein Erstsymptom der Erkrankung. Kleine Hauttumoren (Schwannome, Neurofibrome) können ebenfalls ein erstes Anzeichen der Erkrankung sein. Oft haben Menschen über viele Jahre hinweg unklare Symptome, bevor die eigentliche Grunderkrankung diagnostiziert wird. Da Tumoren bei NF2 langsam wachsen, ist es wahrscheinlich, daß sie bei einer Person schon viele Jahre bestanden, bevor sie Symptome verursachten.

Behandlungsmöglichkeiten für Tumoren

Die meisten NF2-Betroffenen müssen sich in ihrem Leben zumindest einer Operation unterziehen. Da die NF2-Tumoren auf Nerven und/oder nahe dem Gehirn oder Rückenmark liegen, ist ihre chirurgische Entfernung nicht risikolos. Operationen in diesen kleinen und empfindlichen Bereichen können weitere Verletzungen der Nerven verursachen und damit neue neurologische Probleme hervorrufen. Aus diesen Gründen sollte in der Regel eine Operation so lange hinausgezögert werden, bis das Risiko weiterer Schädigungen durch den Tumor selbst das Risiko des chirurgischen Eingriffs überwiegt. Für Tumor des Hörnerven gilt allerdings, daß die Möglichkeiten einer hörerhaltenden Operation in Abhängigkeit von Tumorgröße und -lokalisation, Grad der Schädigung des Hörnerven und Erfahrung des Operateurs stehen. Sollte eine Operation wegen ihrer medizinischen Probleme oder der Größe bzw. der Lage des Tumors zu risikoreich sein, kann die Strahlenchirurgie erwogen werden. Wie bei einer Operation müssen auch bei der Strahlenchirurgie die Vorteile und die Risiken für jeden Menschen individuell sehr sorgfältig geprüft werden.

Operation und Strahlenchirurgie, einschließlich der Gammastrahlenbehandlung, sind gegewärtig die einzigen Behandlungsmöglichkeiten für die Tumoren, die bei NF2-Betroffenen auftreten.

Untersuchungsmethoden

Wurde einmal bei einer Person NF2 diagnostiziert, kann durch eine Reihe von Untersuchungen der jeweilige Schweregrad der Erkrankung bei dem Betroffenen festgestellt und das Fortschreiten der Erkrankung überwacht werden. Die bekanntesten Untersuchungen sind die Kernspin- bzw. Magnetresonanztomographie (MRT) und Gehörtests. Kernspin-tomogramme sind bildgebende Verfahren und werden verwendet, um die Anatomie des Körpers räumlich darzustellen. am häufigsten werden sie zur Untersuchung des Gehirns herangezogen, können aber auch angewandt werden, um das Rückenmark oder die Nerven der Arme und Beine "sichtbar" zu machen.

Ein Kernspintograph ist eine Art runder Kammer, die von einem Magneten umschlossen wird. Der Patient wird auf einer schmalen Liege in diese Kammer gefahren. Magnete, die in Rotation versetzt werden, erzeugen ein dumpfes Klopfen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann dem Patienten ein Kontrastmittel injiziert werden, der bestimmte Teile des Gehirns deutlicher erscheinen läßt. Die Untersuchungdauer ist individuell verschieden. Schwierig ist es für die meisten Patienten, ganz besonders für Kinder, in einer relativ engen Kammer so lange ganz still liegen bleiben zu müssen. Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt. Es wird keine Röntgenstrahlung verwendet. Durch regelmäßig wiederholte Kernspintomogramme wird das Wachstum eines Tumors beobachtet. Dies sind wichtige Informationen zur Verlaufsbeobachtung von Tumoren.

Die Gehörtests

Obwohl eine Kernspintomographie sehr genaue strukturelle Informationen (wie Ihr Körper aussieht) geben kann, kann sie keine funktionelle Information (wie Ihr Körper funktioniert) geben. Durch die sogenannten akustisch evozierten Potentiale (AEP) und die Audiometrie kann man testen, wie gut die Gehörwege im Gehirn arbeiten. Für eine Audiometrie werden dem Patienten in einem schalldichten Raum Kopfhörer aufgesetzt. Geräusche verschiedener Intensität und Tonhöhe werden an jedes Ohr weitergegeben, und der Patient wird gebeten, zu signalisieren, welche Geräusche er hört. Akustisch evozierte Potentiale zeigen, ob der Hörnerv in seinem Verlauf geschädigt wird, indem Elektroden, die auf der Kopfhaut des Patienten plaziert werden, messen, ob ein Geräusch weitergeleitet wird. Keiner der Tests ist schmerzhaft. die Informationen aus AEP und Audiometrie zeigen, inwieweit ein Tumor des Hörnervs tatsächlich zur Schädigung der Hörbahn führt. Wiederholte Gehörtests zeigen, ob sich die Funktion des Nerven auch bei unveränderter Tumorgröße ändert, dies ist für die Entscheidung einer Operation maßgeblich.

Vererbung

NF2 ist eine genetisch bedingte Krankheit, die von den Eltern an Ihre Kinder weitervererbt werden kann. Bei ungefähr der Hälfte der Personen mit NF2 haben die Eltern diese Krankheit nicht, sondern es hat eine Mutation (eine neue Veränderung von Erbmaterial) stattgefunden. Bei allen Personen mit NF2-bei solchen, die betroffene Eltern haben, und bei denjenigen, deren Eltern keine NF2 haben- besteht ein Risiko von 50 : 50, daß jedes ihrer Kinder betroffen sein wird. Krankheiten wie NF2, die beide Geschlechter gleichmäßig betreffen und durch eine betroffene Person an ihre Kinder mit durchschnittlich 50%iger Wahrscheinlichkeit weitergegeben werden, werden autosomal dominante Krankheiten genannt.

Vor einiger Zeit wurde das Stück genetischen Materials, das NF2 verursacht, auf dem Chromosom 22 identifiziert. Die Identifizierung des Chromosomenabschnitts ermöglicht heute, daß in Familien mit (mindestens) zwei betroffenen Mitgliedern mit einem Bluttest herausgefunden werden kann, ob ein Verwandter einer Person mit NF2 auch NF2 hat. Genauso wie die Operation hat diese Art genetischer Tests sowohl Risiken als auch Vorteile und sollte gründlich mit einem sachkundigen Arzt diskutiert werden.

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